Sea-Gull ST1902 Chronograph: Disassembly and Assembly

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Chronographenwerke sehen auf den ersten Blick immer furchtbar kompliziert aus. Deshalb will ich euch hier zeigen, wie man einen Chronographen mit Schaltrad und horizontaler Kupplung zerlegt. Ein paar Tipps zum Zusammenbau und zum Justieren wird es natürlich auch geben. Konkret geht es hier um ein chinesisches Sea-Gull ST1902. Dieses ist ein Nachbau des Schweizer Venus 175 auf Originalmaschinen, die Sea-Gull von Venus erworben hat.

Bevor wir starten noch ein paar allgemeine Hinweise:

  • Wer keine Erfahrung im Zerlegen von normalen Uhrwerken hat, sollte besser die Finger von Chronographen lassen. Wer ein Werk mit Automatik und Datum zerlegen und wieder zusammenbauen kann, dürfte hier keine Probleme haben.
  • Vor dem Zerlegen die Funktionsweise eines Chronographen verstanden zu haben, ist sicher nicht schädlich. Ein bisschen Basislektüre ist hier zu finden: Das Chronographenwerk Poljot 3133
  • Hier geht es nur um das Zerlegen, Zusammenbauen und Justieren des Chrono-Mechanismus. Im Rahmen einer Revision würde das Werk natürlich auch gereinigt, geölt und auf der Zeitwaage justiert. Zu diesen Themen findet man jede Menge Lesestoff im Internet. Zum Ölen eines Chronographen gibt es z. B. im Uhrforum einige Tipps: https://uhrforum.de/revision-valjoux-7730-a-t55291

Und ganz kurz die technischen Daten zum Sea-Gull ST1902:

  • Durchmesser: 31,3 mm (13 3/4 – 14 französische Linien)
  • Funktionen: Handaufzug, Kleine Sekunde bei 9h, Chronograph mit Schaltrad und horizontaler Kupplung, 30 Minutenzähler bei 3h, 12 Stunden-Anzeige bei 6h
  • Hemmung: Steinanker
  • Steine: 23
  • Stoßsicherung: Incabloc-ähnlich (China-Nachbau)
  • Schlagzahl A/h: 21.600
  • Gangreserve: ca. 51 Stunden
  • Herstellungszeitraum: 1963 bis heute

Zerlegen des Werkes

So, los gehts. Zuerst mal ein paar Bilder des “Opfers” vor dem Zerlegen.

Aber hier fehlt doch die bei den technischen Daten angegebene 12 Stunden-Anzeige bei 6h? Stimmt, die Erklärung kommt später beim Zerlegen des Werkes!

Zuerst öffnen wir den Glasboden (ging in diesem Fall sehr gut mit dem Ballöffner):

Aha, ein Werkhaltering aus Plastik, bei dem die Drücker im Gehäuse durch Drücker im Werkhaltering bis zum Werk verlängert werden. Die Positionierung der äußeren zu den inneren Drückern lässt etwas zu wünschen übrig, tut der Funktionalität aber keinen Abbruch.

Dann lösen wir an dem mit dem roten Pfeil markierten Druckknopf die Aufzugswelle inkl. Krone. Nun noch den Werkhaltering entfernen und das Werk kann nach hinten aus dem Gehäuse entnommen werden. Danach kommt die Aufzugswelle gleich wieder ins Werk. Nun nehmen wir die Zeiger ab, lösen das Zifferblatt vom Werk und haben endlich das Werk vor uns:

Aufgrund der Abdeckplatte ist auf der Zifferblattseite nicht viel zu sehen, also schrauben wir diese ab:

Diese zwei Räder sind der einzige Unterschied zwischen dem ST1901 ohne 12-Stunden-Anzeige und dem ST1902:

Das kleine Rad ist die 12 Stunden-Anzeige, das große ein Wechselrad. Wer sich nun wundert, dass auf der oben abgebildeten Uhr bei 6 Uhr gar keine 12 Stunden-Anzeige zu sehen ist: Das Werk ist ein ST1902, aber die 12 Stunden-Anzeige wird nicht genutzt. Und das zum Glück, da diese m. E. völlig überflüssig ist…

Die zwei Räder und das Stundenrad können wir gleich entnehmen, sonst fallen sie beim Umdrehen des Werkes sowieso raus:

Vor dem Zerlegen der Brückenseite wird zuerst die Feder abgespannt. Aber wo ist die Klinke? Hier hat sie sich versteckt:

Bevor wir nun den Chrono-Mechanismus zerlegen, noch eine Warnung:
Einige der vermeintlichen Schrauben sind gar keine Schrauben, sondern Exzenter, die der Justierung des Chrono-Mechanismus dienen. Lässt man beim Zerlegen die Finger von diesen Exzentern, dann stehen die Chancen gut, dass der Chrono auch nach dem Zusammensetzen noch funktioniert, ohne dass neu justiert werden muss. Wir lassen also zunächst mal die Finger von den hier rot markierten Teilen (mehr dazu später…):

In den folgenden Bildern habe ich immer die Teile rot markiert, die als nächstes ausgebaut werden. Das darauffolgende Bild zeigt dann die gerade ausgebauten Teile mit einer fortlaufenden Nummer.

Die Unruh ist ein sehr empfindliches Teil, sollte also möglichst bald entfernt werden. Hier entfernen wir den kompletten Unruhkloben inkl. Unruh (1). Dann folgen die Kupplungsfeder (2) und die Kupplung (3) (komplett montiert):

Weiter geht es mit der Schalthebelfeder (4) und dem Schalthebel (5) (2-teilig). Die Schalthebelfeder hat eine Unterlage.
Der Schalthebel schaltet bei jedem Druck auf den Start-/Stoppknopf das Schaltrad um eine Position weiter. Dies geschieht nicht an den Säulen des Schaltrades sondern am Radkranz unten am Schaltrad.

Dann sind die Herzhebelfeder (6) und der Herzhebel (7) an der Reihe. Der Herzhebel ist nur aufgelegt und enthält auf der Rückseite eine gebläute Schraube:

Es folgen der Nullsteller (8), der Herzhebel-Riegel (9), der Blockierhebel (10) und die zugehörigen Federn (11, 12).
Beim Start der Chronofunktion wird der Herzhebel in den Herzhebel-Riegel eingehängt. Ein Druck auf den Nullsteller löst den Riegel aus und die Feder drückt den Herzhebel gegen die Herzen. Der Blockierhebel stoppt die Chrono-Zentrumsekunde. Er wird direkt vom Schaltrad gesteuert.

Nun wird die doppelte Feder für Sternradwippe und Blockierhebel (13) abgeschraubt, die Sternradwippe (14) (montiert) entnommen sowie die Schaltradsperre (15) und das Schaltrad (16) abgeschraubt.
Die Sternradwippe ist nur aufgelegt. Die Schaltradsperre fixiert das Schaltrad nach jedem Schaltvorgang. Dies geschieht nicht an den Säulen des Schaltrades sondern am Radkranz unten am Schaltrad (siehe kleines Bild unten).

 Hier nochmal Details der montierten Sternradwippe und des Schaltrades:

Zur Funktion des Schaltrades gibt es später noch ein paar Erläuterungen. Jetzt schrauben wir aber die Chrono-Brücke (17) und die Platte für den Chrono-Mechanismus (18) ab:

Unter der Chrono-Brücke sieht man nun sehr schön die Herzen auf dem Chrono-Zentrumrad und dem Minutenzählrad, die dafür sorgen, dass der Chrono-Sekundenzeiger und die 30 min-Anzeige beim Nullstellen immer exakt auf null gestellt werden.
Wir entfernen jetzt das Chrono-Zentrumrad (19), das Minutenzählrad (20) und die Minutenzählradsperre (21). Finger weg von der blauen Schraube der Basis, auf die die Minutenzählradsperre aufgeschraubt ist (22) (Stütze der Minutenzählradsperre). Diese dient zum Einstellen der Eingrifftiefe der Sperre (siehe später beim Justieren). Die Friktionsfeder für das Chrono-Zentrumrad (23) wurde hier nicht entfernt.

Nun verbleibt nur noch ein einziges Teil des Chrono-Mechanismus zum Ausbau, das Chrono-Mitnehmerrad (26). Dieses ist auf die Achse des Sekundenrades des Räderwerkes aufgepresst und treibt den ganzen Chrono-Mechanismus an.

Bevor wir das Chrono-Mitnehmerrad abziehen, entfernen wir die Ankerbrücke (24) und den Anker (25), da das Entfernen des Chrono-Mitnehmerrades sonst zu viel Druck auf den Anker ausüben könnte.

Zum Abziehen des Chrono-Mitnehmerrades benötigen wir ein Spezialwerkzeug, und zwar das Presto 3 von Bergeon. Dieses dient dazu, das Chrono-Mitnehmerrad senkrecht nach oben abzuziehen. Fängt man hier an, mit Pinzetten oder ähnlichem Werkzeug zu hebeln, läuft man Gefahr, dass die harte, aber sehr spröde Achse des Sekundenrades bricht.

So sieht das Werkzeug aus:

Dummerweise ist die Form des Klobens unter dem Mitnehmerrad so ungeschickt gewählt, dass das Presto-Tool kaum eine Auflagefläche findet. Aber es geht. So sieht dann das Ergebnis aus:

Der Rest ist dann nur noch Routine beim Zerlegen eines normalen Uhrwerkes. Deshalb gibt es hierzu nur noch Bilder ohne Kommentare:

Zusammenbau Werkes

Das Werk wird im Wesentlichen einfach in umgekehrter Reihenfolge des Zerlegens wieder zusammengebaut. Deshalb hier nur ein paar Hinweise auf Abweichungen oder besondere Stolperstellen:

  • Nach dem Zusammenbau des Basiswerkes schon mal die Unruh einbauen und testen, ob das Basiswerk läuft. Wenn das schon nicht klappt, wird es nach dem Zusammenbauen des Chrono-Mechanismus auch nicht besser… Ob man dann vor dem Aufbau des Restes die Unruh wieder entfernt, muss jeder selbst entscheiden. Ich habe sie drin gelassen.
  • Wenn das Basiswerk zusammengebaut ist, stehen auf der Zifferblattseite die Wellen der zwei Sekundenräder (kleine Sekunde und zentrale Chrono-Sekunde) sowie des 30 min-Zähler-Rades heraus. Also Vorsicht beim Hantieren damit, die brechen schneller ab als man denkt…
  • Das Chrono-Mitnehmerrad nicht zu Beginn des Chrono-Mechanismus einbauen, sondern ganz zum Schluss. Es muss in der Höhe exakt auf das Kupplungsrad ausgerichtet werden.
  • Beim Schalthebel und der Schalthebelfeder auf die richtige Position der zwei Teile achten:
  • Beim Setzen der Zeiger muss der Chrono in Nullstellung stehen, damit der Herzhebel auf die Herzen drückt. Zum Glück wird der Herzhebel in dieser Position von einer Feder gehalten, sodass man den Nullsteller beim Setzen nicht gedrückt halten muss. Diese Feder ist übrigens auch für die sehr leichte Nullstellung über den Drücker verantwortlich, da beim Nullstellen nur die Feder ausgelöst wird und der Drücker nicht direkt den Herzhebel gegen die Herzen drücken muss.
  • Der zentrale Chrono-Sekundenzeiger muss recht stramm sitzen, da beim Nullstellen erhebliche Kräfte auf ihn einwirken. Zum Aufsetzen des Zeigers dieses von der Brückenseite auf eine feste Unterlage legen. Ohne Unterlage fällt sonst eventuell der Lagerstein raus, wenn man zu sehr drückt. Es gibt auch spezielle Werkhalter, die den Stein gezielt stützen. Ich habe keinen solchen und bis jetzt ging es auch ohne.

Justieren des Chrono-Mechanismus

Das Justieren erfolgt mit drei Exzenterschrauben (1 – 3) und einer Schraube (4):

  • Mit dem Exzenter 1 kann der Eingriff von Kupplungsrad und Chrono-Mitnehmerrad eingestellt werden. Der Eingriff zwischen Mitnehmerrad und Kupplungsrad muss ca. zwei Drittel der Zahnhöhen betragen.
  • Mit dem Exzenter 2 kann der Eingriff von Kupplungsrad und Chrono-Zentrumsrad eingestellt werden. Der Eingriff zwischen Kupplungs- und Chrono-Zentrumsrad darf höchstens ein Drittel betragen.
  • Wenn das Räderwerk alle 60s stehen bleibt, muss mit dem Exzenter 3 die Position der Sternradwippe relativ zum Mitnehmer angepasst werden. Durch das Loch im Chrono-Zentrumsrad kann man den Mitnehmer beobachten:
  • Mit der Schraube 4 (kein Exzenter!) wird die Raste des 30 min-Zählrades so positioniert, dass die Minuten sauber schalten. Die Raste liegt dann genau zwischen zwei Radzähnen an.

Die Funktionsweise des Schaltrades

  • Der Schalthebel 1 schaltet bei jedem Druck auf den Start-/Stoppknopf das Schaltrad um eine Position im Uhrzeigersinn weiter. Dies geschieht nicht an den Säulen des Schaltrades sondern am Radkranz unten am Schaltrad.
  • Hebel 2 bewegt das Kupplungsrad zum Chrono-Zentrumrad hin (-> Chrono läuft) oder weg (Chrono steht). Bei laufendem Chrono liegt der Hebel in einer Vertiefung des Schaltrades (wie im Bild).
  • Hebel 3 ist die Verlängerung des Herzhebels. Das Anheben (wie im Bild) bewirkt, dass der Herzhebel nicht ausgelöst wird, wenn bei laufendem Chrono der Nullsteller gedrückt wird. Wenn der Chrono steht, liegt Hebel 3 in einer Vertiefung des Schaltrades und das Drücken des Nullstellers kann den Herzhebel aus dem Herzhebel-Riegel lösen.
  • Hebel 4 ist die Verlängerung des Blockierhebels, der das Chrono-Zentrumrad stoppt, sobald er in eine Vertiefung des Schaltrades fällt.
  • Unter Hebel 4 liegt am Radkranz die Schaltradsperre 5 an. Diese fixiert das Schaltrad nach jedem Schaltvorgang.

So, geschafft. Ist doch eigentlich alles ganz einfach…

 

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