Das Chronographenwerk Poljot 3133

Ein Chronographenwerk sieht auf den ersten Blick aus wie ein Gewusel aus vielen Rädchen und Hebelchen:

Natürlich hat jedes Teil seine spezifische Funktion. Welche das ist, schauen wir uns hier im Detail an.

Das russische Chronographenwerk Poljot 3133 basiert konstruktiv auf dem Schweizer Valjoux 7734. Es wurde von 1976 bis 2004 in der Ersten Moskauer Uhrenfabrik produziert, danach bis Ende 2011 durch die Firma MakTime, ebenfalls in Moskau. Leider wird das Werk seitdem nicht mehr hergestellt.

Zuerst ein paar Daten zum Poljot 3133:

  • Durchmesser: 14“‘ (Linien) = 31,0 mm
  • Höhe: 7,35 mm
  • Handaufzug-Chronograph
  • Datum: Schalten durch wiederholtes Wechseln 23 – 24 Uhr
  • 23 Steine
  • Gangreserve ca. 51 Stunden
  • Schwingungsfreqenz: 21.600 A/h (Halbschwingungen pro Stunde)

Wir starten mit einer Ansicht der Ziffblattseite eines russischen Chronographen:

Von der fragwürdigen Optik reden wir jetzt mal nicht, sondern konzentrieren uns auf die Elemente, die den Chronographen ausmachen:

  • Der zentrale Sekundenzeiger der Stoppfunktion
  • Der 30 Minuten-Zähler der Stoppfunktion im rechten Totalisator bei 3 Uhr
  • Der Start-/Stoppdrücker bei ca. 2 Uhr
  • Der Drücker zum Nullstellen bei ca. 4 Uhr

Der kleine Sekundenzeiger im linken Totalisator bei 9 Uhr gehört zum normalen Uhrwerk, hat also mit der Chronofunktion nichts zu tun.

Achtung:
Ab hier wird es sehr technisch!

So sieht das Werk im Überblick aus:

Das Werk ist so gedreht, dass der Start-/Stoppdrücker im Bild bei ca. 4 Uh und der Drücker zum Nullstellen bei ca. 2 Uhr liegt.

Und so funktioniert es:

  • Das Mitnehmerrad sitzt auf der Achse des Sekundenrades (der kleinen Sekunde) des Gangwerkes (das ist das normale Uhrwerk ohne die Chrono-Funktion) und dreht sich daher ständig mit, wenn die Uhr läuft
  • Das Mitnehmerrad greift in das Kupplungsrad, das sich damit auch ständig dreht
  • Startet man die Chrono-Funktion über den Start-/Stopp-Knopf (auf dem Bild bei ca. 4 Uhr), wird das Kupplungsrad gegen das Chrono-Zentrumrad gedrückt. Dieses beginnt, sich zu drehen. Neben dieser horizontalen Kupplung gibt es auch Werke mit einer vertikalen Kupplung (z. B. beim Seiko 6138).
  • Auf dem Chrono-Zentrumrad sitzt auf der Zifferblattseite der zentrale Chrono-Sekundenzeiger.
  • Drückt man nochmals auf den Start-/Stopp-Knopf, löst sich das Kupplungsrad wieder vom Chrono-Zentrumrad und der Sekundenzeiger wird vom Blockierhebel gestoppt.
  • Jede Minute schaltet ein auf der Achse des Chrono-Zentrumrades unten liegender Mitnehmer über die Sternradwippe das Minutenzählrad um genau ein Zahnrad weiter, bis es wieder von der Minutenzählradsperre blockiert wird. Damit werden die Chrono-Minuten gezählt.
  • Der Start-/Stopp-Vorgang kann beliebig oft wiederholt werden.
  • Drückt man auf den Stopp-Knopf (auf dem Bild bei ca. 2 Uhr), so drückt der Nullsteller den Herzhebel so, dass die „Finger“ des Herzhebels auf die Herzscheiben des Chrono-Zentrumrades und des Minutenzählrades drücken. Die spezielle Form der Herzscheiben garantiert, dass die auf den Achsen angebrachten Zeiger auf null gestellt werden, egal in welcher Position sie sich gerade befinden.
  • Das Poljot hat eine sogenannte Kulissenschaltung (Nockenschaltwerk) zum Schalten der verschiedenen Chronofunktionen Start/Stopp/Nullstellung. Diese ist einfacher und günstiger herzustellen als ein Chronograph mit Schaltrad. Dafür braucht man statt einem Drücker zwei und das Druckgefühl ist oft etwas schwammiger.
    Ohne hier in Details zu gehen, hier die entscheidenten Bauteile einer Kulissenschaltung (links) und einer Schaltradsteuerung (rechts):

 

Zum Vergleich zur Chronofunktion:

  • Bild 1 (links oben): Chrono läuft nicht, Chronozeiger auf Nullstellung
  • Bild 2 (rechts oben): Chrono läuft
  • Bild 3 (unten): Zwischenstopp

Unterschiede gibt es beim Eingriff des Chrono-Zentrumrades in die Kupplung und bei der Stellung des Herzhebels:

Schauen wir uns nun jedes Teil nochmal im Detail an:

Mitnehmerrad (1)

  • Sitzt auf der Achse des Sekundenrades des Gangwerkes
  • Dient der Kraftübertragung vom Gangwerk zum Chrono-Mechanismus (über die Kupplung s. u.)
  • Läuft ständig mit
  • Muss in der Höhe so ausgerichtet sein, dass es exakt in das Kupplungsrad greift
  • Zum Justieren der Eingriffstiefe s. u.

Kupplung (2), Kupplungsrad und Kupplungsfeder (3)

  • Die Kupplung überträgt die Kraft vom Mitnehmerrad auf das Chrono-Zentrumrad, wenn der Chronograph gestartet wird
  • Das Kupplungsrad dreht sich permanent mit, auch wenn die Chronofunktion gestoppt ist bzw. auf 0 steht
  • Die Kupplungsfeder drückt das Kupplungsrad gegen das Chrono-Zentrumrad, wenn der Herzhebel entsprechend steht. Bei den anderen Stellungen des Herzhebels drückt eine Ecke des Herzhebels über den Exzenter die Kupplung weg (siehe Bild 1 und Bild 3 oben bei der Chronofunktion)

Sperre für Herzhebelbegrenzer (4), Herzhebel (5) und Nullsteller(6)

Siehe auch die drei Bilder oben!

  • Der Herzhebelbegrenzer ist der obere Teil der Platte unter dem Herzhebel. Der mit den drei Kerben, die die oben schon erwähnte Kulissenschaltung bilden. Jede Kerbe steht für eine der drei möglichen Positionen:

  • Position 1: Chrono läuft
    Der Herzhebelbegrenzer hält den Herzhebel im Chronobetrieb vom Chrono-Zentrumrad fern
  • Position 2: Chrono stoppt
    Der Herzhebelbegrenzer hält den Herzhebel wieder fest, wenn dieser durch einen Druck auf den Stoppknopf soweit bewegt wurde, dass sich das das Kupplungsrad vom Chrono-Zentrumrad gelöst hat
  • Position 3: Nullstellung
    Wird der Nullstell-Knopf (oder obere Drücker) gedrückt, drückt der Nullsteller den Herzhebel auf die Herzscheiben des Chrono-Zentrumsrades und des Minutenzählrades. Durch die besondere Form der Herzscheiben werden die Zeiger auf diesen zwei Rädern immer auf die Null-Position gedrückt und vom Herzhebelbegrenzer dort gehalten, solange der Herzhebel in dieser Position bleibt.

  • Der Nullsteller wirkt nicht, wenn der Chrono-Mechanismus läuft, da er dann in eine Aussparung des Herzhebels greift, also ins Leere

Chrono-Brücke

  • Oberes Lager des Chrono-Zentrumrades und des Minutenzählrades

Schalthebel (7) und Schalthebelfeder (8)

  • Der Schalthebel (2-teilig) wird vom unteren Chrono-Drücker ausgelöst und drückt dann auf Einkerbungen unter dem Herzhebel (dieselbe Platte, die auch die Kerben für den Herzhebelbegrenzer trägt).
  • Abwechselndes Drücken ändert die Stellung des Herzhebels zwischen Stopp und laufendem Chrono-Sekundenzeiger

  • Durch das Loch im Herzhebel kann die Position des Schalthebelfingers beobachtet werden
  • Die Schalthebelfeder liegt unter dem Schalthebel und hält diesen vom Herzhebel fern, solange der Chrono-Drücker nicht gedrückt wird

Chrono-Zentrumrad und Friktionsfeder für Chrono-Zentrumrad

  • Die lange Achse des Zentrumrades trägt auf der Zifferblattseite den Chrono-Sekundenzeiger
  • Das Zentrumrad wird vom Kupplungsrad (s. o.) angetrieben
  • Die Zähne des Zentrumrades sind viel feiner als die des Kupplungsrades, um das Spiel des Zentrumrades möglichst klein zu halten
  • Schaltet jede Minute über einen unten liegenden Mitnehmerzahn (siehe Bild) die Sternradwippe weiter und diese dann den Minutenzähler (s. u.)
  • Durch die oben aufgebrachte Herzscheibe (siehe Bild) wird das Zentrumrad und damit der Sekundenzeiger auf Null gestellt (s. o.)
  • Unter dem Zentrumrad liegt die Friktionsfeder. Diese begrenzt das Höhenspiel des Rades und hält das Rad in der Lage, wenn die Chrono-Funktion nicht läuft

Minutenzählrad (9) und Minutenzählradsperre (10)

  • Das Minutenzählrad zählt die Minuten, die der Chronomechanismus läuft
    Jede Minute schaltet ein auf der Achse des Chrono-Zentrumrades unten liegender Mitnehmer über die Sternradwippe das Minutenzählrad um genau ein Rad weiter, bis es wieder von der Minutenzählradsperre blockiert wird
  • Das Minutenzählrad trägt eine Herzscheibe, über die das Rad nullgestellt wird (s. o. bei Nullsteller)
  • Die Masse (mit Loch) oberhalb der Herzscheibe dient wohl nur dazu, das Gewicht auszubalancieren, da die Kraft, die das Rad dreht, sehr klein ist
  • Die Minutenzählradsperre sorgt dafür, dass das Minutenzählrad genau den richtigen Winkel weitergedreht wird, wenn sich das Zählrad um eine Minute weiter dreht
  • Außerdem sorgt sie dafür, dass sich das Zählrad zwischen den gewünschten Minutensprüngen nicht bewegt

Sternradwippe (11), Blockierhebel (12) und Blockierhebelfeder (13)

  • Die Sternwippe stellt die Verbindung zwischen Chrono-Zentrumrad und Minutenzählrad her
  • Der Finger der Sternradwippe (im Bild links oben) greift in die Nockenschaltung unter dem Herzhebel. Beim Start der Chronofunktion wird das Rad auf der Wippe etwas in Richtung des Chrono-Zentrumrades gedrückt, damit es vom Mitnehmerzahn (s. o.) erfasst werden kann. Ein Eingriff mit dem Minutenzählrad besteht immer, egal ob der Chrono läuft oder nicht. Beim Stopp wird das Rad wieder vom Chrono-Zentrumrad entfernt und gleichzeitig der Blockierhebel über die Blockierhebelfeder an das Chrono-Zentrumrad gedrückt. Der Blockierhebel hält zusammen mit der Friktionsfeder den Chrono-Sekundenzeiger fest.

Platte für Chronomechanismus

  • Trägt Teile der Chronographenquadratur (z. B. den Herzhebel)

 

Das Justieren des Chrono-Mechanismus

  • Das Justieren erfolgt mit vier Exzentern (1 – 4)

  • Mit dem Exzenter 1 am „Finger“ des Kupplungsrades (links unterhalb des Mitnehmerrades) kann der Eingriff von Kupplungsrad und Mitnehmerrad eingestellt werden.
    Der Eingriff zwischen Mitnehmerrad und Kupplungsrad muss ca. zwei Drittel der Zahnhöhen betragen.
  • Mit dem Exzenter 2 links oberhalb des Kupplungsrades kann der Eingriff von Kupplungsrad und Chrono-Zentrumsrad eingestellt werden.
    Der Eingriff zwischen Kupplungs- und Chrono-Zentrumrad darf höchstens ein Drittel betragen.
  • Wenn das Räderwerk alle 60s stehen bleibt, muss mit dem Exzenter 3 rechts oberhalb des Kupplungsrades die Position der Sternradwippe angepasst werden.
    Durch das Loch im Chrono-Zentrumsrad kann man den Mitnehmer beobachten.

  • Mit dem Exzenter 4 wird die Raste des 30 min-Zählrades so positioniert, dass die Minuten sauber schalten.

Also eigentlich ganz einfach. Aber es erfordert doch etwas Übung. Und zum Üben ist das Poljot 3133 absolut geeignet. Viel Erfolg beim Selbstversuch!

 

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