Eine Junghans Olympic mit Manufakturwerk 620.02

Zu den Olympischen Spielen 1972 in München hat Junghans bereits 1970 die Armbanduhren-Modellreihe Junghans Olympic vorgestellt. Junghans war bei den Olympischen Spielen 1972 offizieller Zeitnehmer und die neue Modellreihe sollte einen bewusst sportlichen Touch  haben.

Quelle: unbekannt

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Die Quarzkrise der 1970er war schon am Horizont sichtbar, die Olympic-Modelle waren aber noch mit mechanischen Werken ausgestattet. Die erste Quarzuhr von Junghans, die Astro-Quartz, wurde zwar ebenfalls 1970 vorgestellt, ging aber erst 1972 in die Serienfertigung.

Neben den Dreizeigermodellen mit Werken von Junghans gab es auch Chronographen mit Schweizer Werken.

Hier schauen wir uns eine der einfacheren Ausführungen einer Junghans Olympic mit Manufakturwerk an. Das Gehäuse ist aus schwarzem Kunststoff, das ebenfalls aus Kunststoff gefertigte Armband fehlt leider.

Dreht man die Uhr um, sieht man sofort die Besonderheit dieses Gehäuse. Es besteht aus einem Stück und hat keinen abnehmbaren Boden. Ein sogenanntes Monocoque-Gehäuse.

Der Weg zum Werk führt hier also über die Glasseite. Zuerst muss die goldfarben Lünette vorsichtig abgehebelt werden. Dafür eignet sich ein einfaches Uhrmachermesser. Interessanterweise besteht die Lünette aus Metall und nicht aus Kunststoff.

Dann kann das Plexiglas mit einem Glasheber („Kralle“) abgenommen werden. Aber vorsichtig, da die Indizes innerhalb des Glases eingelegt sind. Es genügt eine ganz geringe Spannung, damit das Glas abgehoben werden kann.

Glasabheber
Quelle: bergeon.ch

Auf dem Zifferblatt sieht man bei 12 Uhr eine Aussparung. In diese greift ein kleiner Stift auf der Rückseite des Indexrings, sodass dieser automatisch richtig positioniert wird.

Das Glas selbst enthält an der Außenseite einen Dichtungsring in L-Form.

Um das Werk nun zusammen mit dem Zifferblatt aus dem Gehäuse zu bekommen, bedarf es etwas Mutes. Die Uhr hat nämlich eine sogenannte Reißkrone. Sie besteht aus zwei Teilen und der Teil mit der Krone muss mit ziemlich kräftigem Zug an der Krone vom Gegenstück getrennt werden.

Das Zifferblatt ist ganz klassisch mit seitlichen Schrauben am Werk befestigt. Nach Abnahme der Zeiger und des Zifferblattes haben wir das Werk vor uns.

Das schwarze Kunststoffgehäuse lässt sich übrigens im Ultraschallbad mit etwas Spülmittel recht gut reinigen.

Hier sieht man auch sehr schön die zweiteilige Reißkrone. Bei Werken mit zweiteiliger Aufzugswelle für Reißkronen hat man sehr häufig das Problem, dass für den werkseitigen Teil der Aufzugswelle kaum Ersatz zu beschaffen ist, falls dieser beschädigt ist oder fehlt. Der kronenseitige Teil ist kein Problem. Da dieser Teil nicht werkspezifisch ist, gibt es dafür Standardsortimente im Handel.

Widmen wir uns nun dem Werk. Auf der Werkplatine ist unter der Unruh der Junghans-Stern zu sehen und daneben eine Punze G70. Diese kennzeichnet das Jahr (1970) und den Monat der Herstellung (A = Januar, …, G = Juli, …, I = September, J entfällt, K = Oktober, …).

Das Uhrwerk mit der Bezeichnung 620.02 selbst ist recht unspektakulär. Hier wurde zunächst die Unruh und die 3/4-Brücke abgenommen. Eine kleine Besonderheit hat die 3/4-Brücke aufzuweisen. Mit zwei Schrauben kann das Lager des Federhauses entfernt werden, sodass das Federhaus entnommen werden kann, ohne die ganze Brücke abzunehmen.

Das Federhaus ist übrigens beidseitig steingelagert, das sieht man eher selten.

Das Gesperr befindet sich hier auf der Unterseite der 3/4-Brücke. Der Federhausdeckel dient hier gleichzeitig als Sperrrad.

Im folgenden Bild sind bereits – von oben nach unten – das Kleinbodenrad, das zentrale Sekundenrad, das Ankerrad, der Anker und das Federhaus entnommen.

Nachdem auf der Zifferblattseite das Stundenrad abgenommen und das Minutenrohr abgezogen ist, kann auf der Brückenseite die Minutenradbrücke abgeschraubt und das zentrale Minutenrad entnommen werden.

Weiter geht es auf der Zifferblattseite des Werkes:

Die drei folgenden Bilder zeigen das Entfernen der zwei Datumhalteplatten, der zwei Datumrasten inkl. deren Federn sowie der Datumscheibe. Hier gibt es zwei Datumrasten, die nach dem Schalten des Datums die Datumscheibe in Position halten. Die meisten Werke kommen dagegen mit einer aus.

Viel bleibt nicht mehr übrig (von oben nach unten): die Winkelhebelfeder, ein Zeigerstellrad, das Wechselrad, ein Zwischenrad sowie das Datum-Mitnehmerrad, das die Datumscheibe weiterdreht.

Bauteile für eine Schnellverstellung des Datums sucht man hier vergebens, da das Werk keine solche hat. Das Datum kann aber immerhin „halbschnell“ durch wiederholtes Zurückdrehen der Zeit von 24:00 auf 21.30 Uhr und wieder Vordrehen auf 24:00 Uhr verstellt werden. So muss man nicht jedes Mal 24 Stunden durchkurbeln, um einen Tag weiterzukommen.

Und zum Schluss die Aufzugswelle, das Kupplungstrieb, das Aufzugstrieb, der Kupplungstriebhebel sowie die Kupplungshebelfeder. Der Winkelhebel ist hier noch an der Platine verschraubt.

Die bei diesem Werk benutzte Stoßsicherung ist eine Eigenentwicklung von Junghans, eine Star-Shock:

Nach dem Reinigen kann das Werk problemlos in umgekehrter Reihenfolge wieder zusammengebaut und dann geölt sowie justiert werden. Das Zusammensetzen der Uhr erfolgt ebenfalls in umgekehrter Reihenfolge. Das Plexiglas (Dichtungsring nicht vergessen!) kann mit dem eingelegten Indexring leicht von Hand in das Gehäuse gedrückt werden. Lediglich zum Aufsetzen der Lünette sollte man eine Handpresse verwenden, da diese recht stramm sitzt.

Noch ein paar Basisdaten zum Junghans 620.02:

  • Durchmesser: 11 1/2“‘ (25,6 mm)
  • Funktionen:
    Handaufzug,
    Stunde, Minute, Zentralsekunde ohne Sekundenstopp,
    Datum bei 3 Uhr, Schalten durch Wechsel 21:30 – 24:00 Uhr
  • Hemmung: Schweizer Ankerhemmung
  • Steine: 17
  • Unruh: Nickel, 18.000 A/h (Halbschwingungen pro Stunde)
  • Stoßsicherung: Junghans Star-Shock
  • Gangreserve ca. 47 Stunden

Das 620.02 ist eines von zahlreichen Mitgliedern der Werksfamilie 620, die von 1967 bis 1975 hergestellt wurde. Es gibt Varianten mit Zentralsekunde sowie mit kleiner Sekunde, jeweils mit und ohne Datum. Flache oder gewölbte Datumscheiben, unterschiedliche Positionen der Datumanzeige usw.

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