System Glashütte – Was ist das?

Glashütte war schon vor mehr als hundert Jahren berühmt für seine Uhrenindustrie, die Taschenuhren von höchster Qualität produzierte. Ferdinand A. Lange war sicher der renommierteste Glashütter Hersteller, aber auch Uhren von Großmann oder Assmann waren begehrt und teuer.

Uhrwerk System Glashütte, unbekannter Hersteller, Durchmesser 13 1/4´´´

Nun konnte sich damals wie heute nicht jeder eine hochwertige Uhr aus Glashütte leisten. Echte Markenfälschungen, also Uhren mit falschem Herstellernamen auf dem Zifferblatt oder Werk, gab es damals zwar auch schon, sie waren aber nicht verbreitet. Es gab aber einen Graubereich, mit dem wohlklingenden Namen Glashütte Uhren zu verkaufen, die nichts mit Glashütte zu tun hatten. Das System Glashütte, französisch auch Système Glashütte, war geboren. Der Begriff kennzeichnet also weder eine Marke noch einen Hersteller!

Zifferblatt mit Aufschrift Système Glashütte

Was waren die wesentlichen Merkmale einer hochwertigen Taschenuhr aus Glashütte? Ganz oberflächlich betrachtet zunächst der Name Glashütte auf dem Zifferblatt, dem Gehäuse oder dem Werk. Außerdem ein Edelmetallgehäuse und ein Werk mit einer Dreiviertelplatine. Die Dreiviertelplatine unterschied sich optisch sehr stark von den damals vorherrschenden Brückenformen der Schweizer Uhren.

Erst beim zweiten oder dritten Blick fallen weitere Merkmale Glashütter Uhren auf, etwa das Glashütter Gesperr, der Sonnenschliff, verschraubte Goldchatons, verdeckte Ankerpaletten sowie Anker und Ankerräder aus gehämmertem Gold.

Ausschnitt eines echten Glashütter Werkes mit verdeckten Ankerpaletten, Anker und Ankerrad aus Gold, verschraubten Chatons und Sonnenschliff auf dem Sperrrad

Geschäftstüchtige Hersteller haben sehr schnell herausgefunden, dass bereits der Name Glashütte und eine Platine, die auch nur näherungsweise Ähnlichkeit mit einer Dreiviertelplatine hat, ausreichen, um dem unkundigen Käufer zu suggerieren, dass die Uhr aus Glashütte stammt und entsprechend hochwertig ist. Gelegentlich wurden auch Uhren mit dem Namen System Glashütte verkauft, deren Werke gar keine Ähnlichkeit mit denen aus Glashütte hatten.

Diese geschäftstüchtigen Hersteller stammten meist aus der Schweiz und exportierten ihre Ware nach Deutschland. Viele System Glashütte-Uhren haben daher Silbergehäuse, die sowohl Schweizer als auch deutsche Silberstempel aufweisen. Uhrenexporte in umgekehrter Richtung waren damals sehr selten.

Den ältesten Hinweis auf Schweizer Werke in Glashütter Bauweise, den ich finden konnte, ist die folgende Anzeige aus der Fédération Horlogère Suisse vom 17.10.1891:

Anzeige von Verdan & Renfer, Fédération Horlogère Suisse vom 17.10.1891

Drei der fünf abgebildeten Werke weisen deutlich die Glashütter Bauweise auf. Interessant ist die Beschriftung am linken Seitenrand:

Les 2 premiers calibres particuliers en genre Glashütte, établis par nous en 1880/81 ont été copiés en qualité inférieure déjà en 1884 en Suisse et en Savoie.

[Die ersten beiden besonderen Kaliber der Gattung Glashütte, die von uns 1880/81 eingeführt wurde, wurden in minderer Qualität bereits 1884 in der Schweiz und in Savoyen (Frankreich) kopiert.]

In dieser Anzeige sprach man allerdings nicht vom Système Glashütte, sondern vom Genre Glashütte. Der Hersteller, Verdan & Renfer, nimmt also für sich in Anspruch, das Genre Glashütte de facto erfunden zu haben.

In der folgenden Anzeige von 1895 ist aber bereits von Syst. Glashütte die Rede. Wie man sieht, lagen diese Uhren mit einem Preis von 26 Mark nicht gerade in der untersten Preiskategorie.

Anzeige im Beiblatt der Fliegenden Blättern vom 10.11.1895.

Auch in einer Anzeige eines Schweizer Versandhauses aus Basel von 1901 geht es um vergoldete System Glashütte-Uhren. Hier hatte man vermutlich die deutsche Kundschaft um Blick, da Basel direkt an der deutschen Grenze liegt.

Anzeige 1901 für Uhren System Glashütte

Und in dieser Anzeige von 1902 wird ebenfalls das Système Glashütte angepriesen, also die französischsprachige Variante:

Anzeige von Rodé-Stucky, Fédération Horlogère Suisse 1902

Es finden sich aus heutiger Sicht durchaus witzige Zifferblattbeschriftungen in Kombination mit System Glashütte. Hier der Beamtenfreund und das Wunderwerk, beides Marken, die 1908 von der Schweizer Firma Schwob frères in der Schweiz und von der deutschen Jonass und Co GmbH in Deutschland registriert wurden.

Auch um 1910 werden Uhren des Systems Glashütte noch beworben, der Hype scheint aber spätestens gegen 1915 deutlich abzunehmen. Dies mag auch damit zusammenhängen, dass die Glashütter Uhrenhersteller um 1910 anfingen, vor Gericht gegen deutsche Niederlassungen Schweizer Hersteller in Glashütte vorzugehen, da sie den Begriff Glashütte nicht nur als Herkunfts- sondern auch als Qualitätskennzeichen verstanden.

Die „Blütezeit“ dieser Uhren dürfte also etwa zwischen 1895 und 1910 gelegen haben. Trotz der vergleichsweise kurzen Zeitspanne sind sie relativ häufig zu finden.

Anzeige von Hänni & Cie im Indicateur Davoine 1903 – rechts unten Uhrwerk Système Glashütte

Über die Qualität der Werke sagt der Begriff System Glashütte leider nichts aus. Hier sind sowohl sehr hochwertige als auch minderwertige Werke zu finden. Auch die Gehäuse variieren vom einfachen Metallgehäuse bis zum Echtgoldgehäuse. Die meisten Hersteller der Uhren bzw. Werke schienen keinen großen Wert darauf zu legen, ihren Namen darauf zu hinterlassen. So ist der tatsächliche Hersteller der System Glashütte-Uhren bzw. -Werke nur in Ausnahmefällen zu ermitteln. Sicher ist jedoch, dass es zahlreiche Hersteller gab, die diese Werke herstellten.

Schauen wir uns nun noch ein paar dieser Uhren und Werke an.

Uhrwerk Nr. 1

Zuerst eine Taschenuhr, die auf dem Zifferblatt die Aufschrift System Glashütte trägt:

Taschenuhr System Glashütte mit Buren-Werk, Durchmesser 49,5 mm

Immerhin steht auf dem Staubdeckel des Werkes, dass es sich hier um ein Schweizer Ankerwerk System Glashütte handelt! Die Irreführung hält sich also in Grenzen. Die Innenseite des äußeren Deckels trägt deutsche und Schweizer Silberpunzen, die Uhr war also eindeutig für den Export nach Deutschland bestimmt.

Werk 1, Buren Modell Nr. 306, 19´´´, Ankerwerk, kleine Sekunde, 11 Steine, monometallische Schraubenunruh, Pfeilerbauweise, negativer Aufzug

Der Hersteller des Werkes hat sich auf der Räderwerkbrücke verewigt. Es ist die Schweizer Firma Buren. Der Eigentümer, die H. Williamson Ltd., hat dieses Werk 1903 als Modell Nr. 306 im Schweizerischen Handelsamtsblatt registrieren lassen.

Buren Modell 306, Registrierung im Schweizerischen Handelsamtsblatt 1903

Das Werk erinnert nur entfernt an Werke aus Glashütte, hat aber bis auf die Brückenform keinerlei Ähnlichkeit mit diesen. Die Dreiviertelplatine ist gar keine, da die Federhausbrücke getrennt entfernt werden kann. Gut für den Service, aber eben keine Dreiviertelplatine. Das Werk ist in der günstigen Pfeilerbauweise produziert und trägt nur 11 Steine. Vier Lager ohne Steine befinden sich auf der Zifferblattseite. Die Schraubenunruh ist nicht bimetallisch und verschraubte Chatons oder verdeckte Ankerpaletten sucht man hier vergebens! Also nicht gerade ein hochwertiges Werk.

Interessant ist auch, dass das Werk einen sogenannten negativen Aufzug hat. Dieser ist typisch für amerikanische Uhren, da bei diesen die Aufzugwelle mit Krone zum Gehäuse gehört. Damit konnte man Werke und Gehäuse fast beliebig kombinieren.

Uhrwerk Nr. 2

Die zweite Taschenuhr trägt auf dem Zifferblatt die Marke Eclair, die leider von mehreren Uhrenherstellern genutzt wurde, sodass eine eindeutige Zuordnung nicht möglich ist.

Taschenuhr der Marke Eclair, Durchmesser 49,1 mm

Bei dieser Uhr ist der Begriff Système Glashütte auf dem Staubdeckel zu finden. Eine Widmung auf der Innenseite des äußeren Deckels von 1902 erlaubt eine relativ gute Datierung. Auch hier finden sich deutsche und Schweizer Silberpunzen.

Werk 2 der Taschenuhr der Marke Eclair, Hersteller unbekannt, 19´´´, Ankerwerk, kleine Sekunde, 15 Steine, Bimetall-Schraubenunruh mit Breguet-Spirale, verdeckte Ankerpaletten

Das Werk der Uhr hat die typische Form sehr vieler System Glashütte-Werke. Ein Ankerwerk mit Dreiviertelplatine, 15 Steinen, einer Bimetall-Schraubenunruh mit Breguet-Spirale und verdeckten Ankerpaletten. Also eine durchaus ansprechende Qualität! Leider von einem mir unbekannten Hersteller.

Das Entfernen dieses Werkes aus dem Gehäuse macht allerdings keinen Spaß, da sich die Winkelhebelschraube auf der Zifferblattseite anstatt auf der Brückenseite befindet. Man muss also im eingebauten Zustand zuerst die Zeiger abheben und das Zifferblatt entfernen, bevor man die Krone mit der Aufzugwelle ziehen kann.

Uhrwerk Nr. 3

Das dritte Werk kam leider ohne Gehäuse zu mir. Auch hier keine echte Dreiviertelplatine, aber ein Ankerwerk mit 16 Steinen, verschraubtem Mittelchaton, einer Bimetall-Schraubenunruh mit Breguet-Spirale und einer Schwanenhals-Feinregulierung. In Summe also eine gehobene Qualität. Dieses Werk ist mir bisher in den Größen 19, 20 und 21´´´ begegnet.

Der Hersteller ist mit sehr großer Wahrscheinlichkeit die Fabrique d’Horlogerie de Fontainemelon (FHF).  Auf der Zifferblattseite findet man eine kleine Abdeckplatte am Kupplungstriebhebel, die auf dem Bild rot markiert ist. Die Form dieser Platte ist typisch für ältere FHF-Werke aus der Zeit um 1900. FHF war ein sehr großer Rohwerkehersteller, der um 1913 etwa eine Million Werke pro Jahr produzierte. Die Wahrscheinlichkeit, in einer Uhr auf ein FHF-Werk zu treffen, ist also recht hoch.

Werk 3, Hersteller FHF, 20´´´, Ankerwerk, kleine Sekunde, 16 Steine, Bimetall-Schraubenunruh mit Breguet-Spirale, verschraubtes Mittelchaton, Schwanenhals-Feinregulierung, Kronenaufzug mit Hebel
Uhrwerk Nr. 4

Auch Werk Nummer 4 dürfte von FHF stammen. Der Aufbau ist mit dem des Werkes drei weitgehend identisch. Es fehlt die Schwanenhals-Feinregulierung, dafür hat es vier verschraubte Chatons. Und statt der kleinen Abdeckplatte am Kupplungstriebhebel hat es eine Zeigerwerkbrücke, also eine etwas modernere Variante. Gemeinsam ist den Werken drei und vier der Kronenaufzug mit Hebel.

Werk 4, Hersteller vermutlich FHF, 20´´´, Ankerwerk, kleine Sekunde, 16 Steine, Bimetall-Schraubenunruh mit Breguet-Spirale, verschraubte Chatons, Kronenaufzug mit Hebel
Uhrwerk Nr. 5

Noch etwas jünger ist das folgende Werk Nummer 5, ebenfalls von FHF. Es ähnelt sehr dem Werk Nr. 4, hat aber einen moderneren Kronenaufzug ohne Hebel. Zu diesem Kronenaufzug- und Zeigerstellmechanismus gehört auch die auf der Zifferblattseite punzierte Schweizer Patentnummer 51482. Das auf FHF ausgestellte Patent stammt von 1910.

Werk 5, Hersteller FHF, 20´´´, Ankerwerk, kleine Sekunde, 16 Steine, Bimetall-Schraubenunruh mit Breguet-Spirale, verschraubte Chatons, Kronenaufzug ohne Hebel
Schweizer Patent CH51482 von FHF, 1910, Ausschnitt
Uhrwerk Nr. 6

Das sechste Werk trägt zwar ein Zifferblatt mit der Aufschrift Système Glashütte, sein Aufbau erinnert aber nur entfernt an eine Dreiviertelplatine. Die einzelnen Brücken liegen hier allerdings so eng beieinander, dass man bei einem flüchtigen Blick meinen könnte, dass es sich um eine einzige Platine handelt. Völlig untypisch ist auch die indirekt angetriebene Minute, die dazu führt, dass auf der Brückenseite im Zentrum kein Minutenradlager zu sehen ist. Das Werk hat einen Durchmesser von 19´´´, eine monometallische Schraubenunruh, eine kleine Sekunde und nur 11 Steine. Außerdem ist es in Pfeilerbauweise konstruiert, hat also nur recht dünne Brücken. Insgesamt ein Werk von geringerer Qualität.

Werk 6, Hersteller Malleray Watch Co., 19´´´, Ankerwerk, kleine Sekunde, 11 Steine, monometallische Schraubenunruh, indirekte Minute

Als Hersteller ließ sich die Schweizer Firma Malleray Watch Co. ermitteln, da diese das Werk 1912 im Schweizerischen Handelsamtsblatt als Modell Nr. 10 registriert hat. Ein Bild der Zifferblattseite des Werkes ist auch im Flume Werksucher K1 abgebildet.

Uhrwerk Nr. 7

Das siebte Werk ist mit einem Durchmesser von 13 1/4´´´ deutlich kleiner und dürfte zu einer Damentaschenuhr gehört haben. Mit 16 Steinen und einer Bimetall-Schraubenunruh mit Breguet-Spirale ist es recht ordentlich ausgestattet. Den Hersteller konnte ich bisher nicht identifizieren.

Werk 7, unbekannter Hersteller, 13 1/4´´´, Ankerwerk, kleine Sekunde, 16 Steine, Bimetall-Schraubenunruh mit Breguet-Spirale, Kronenaufzug mit Hebel
Uhrwerk Nr. 8

Das achte und letzte Werk ist eine etwas andere Variante des Systems Glashütte. Es stammt von der deutschen Firma Dürrstein aus Dresden, die unter der Marke Union, wegen des Logos auch Glocken-Union genannt, Uhren mit Werken vertrieben hat, die von einem Schweizer Hersteller exklusiv für ihn im Glashütte-Design hergestellt wurden. Den Begriff System Glashütte hat die Firma allerdings nicht genutzt.

Mit 15 Steinen, einer Bimetall-Schraubenunruh, verdeckten Ankerpaletten und einer Schwanenhals-Feinregulierung kann es sich aber auf jeden Fall sehen lassen.

Werk 8, unbekannter Hersteller, Dürrstein Glocken-Union, 19´´´, Ankerwerk, kleine Sekunde, 15 Steine, Bimetall-Schraubenunruh mit Breguet-Spirale, verdeckte Ankerpaletten, Kronenaufzug mit Hebel, Schwanenhals-Feinregulierung
Ausschnitt aus dem Dürrstein-Katalog von 1913

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert