Die Non-Magnetic Watch Co. und Paillards Patente

Wieder einmal bin ich über ein altes Uhrwerk gestolpert, dessen Aussehen mich in den Bann gezogen hat:

Ein makelloses Emailzifferblatt mit feinen Goldverziehrungen und eine Brückenseite mit verschraubten Chatons und einer Schwanenhals-Feinregulierung. Auf jeden Fall ein sehr altes und hochwertiges Uhrwerk! Leider mal wieder ohne Gehäuse. Ein typischer Fall von „Goldraub“…

Da das Zifferblatt keinen Herstellernamen trägt, bleibt nur der Blick auf die Brückenseite. Da steht in schön verschnörkelter Schrift:

Non-Magnetic Watch Co of America
Paillard’s Patent Balance & Spring

Also eine amerikanische Firma. Zum amerikanischen Markt passt auch die Verziehrung des Werkes. Non-Magnetic Watch Co of America? Nie gehört, also fing ich an zu recherchieren…

Die Non-Magnetic Watch Company of America hatte ihren Ursprung in der Geneva Non-Magnetic Watch Company, die seit mindestens 1887 am Markt aktiv war. Sie hatte ihren Sitz in New York und importierte Schweizer Uhrwerke, die in amerikanische Standardgehäuse passten.

Einer der Teilhaber der Firma war der Schweizer Uhrmacher Charles Auguste Paillard (1840 – 1895), der diverse nicht-magnetische Palladium-Legierungen für Unruhen und Unruhspiralen entwickelt hatte.

C. A. Paillard [Quelle: https://watch-wiki.org/index.php?title=Datei:Paillard._Charles_Auguste.jpg]
Diese Erfindung ließ er sich in mehreren Ländern patentieren. Folgende Patente konnte ich von ihm finden:

  • DE 38445: Palladium-Legirung
    Mai 1886
    (kein Schreibfehler, Legierung wird im Patent tatsächlich so geschrieben…)
  • US 359093: Compensation-Balance for Watches and Chronometers
    März 1887
  • US 367158: Metallic Alloy
    Juli 1887
    Dieses Patent verweist auch auf ein englisches Patent 6367 sowie auf ein französisches mit der Nummer 176053, beide vom Mai 1886
  • US 367159: Alloy
    Juli 1887
  • US 367160: Alloy
    Juli 1887
  • US 367161: Alloy
    Juli 1887
  • US 384709: Alloy
    Juni 1888

In der Tat scheint es keine Schweizer Patente von Paillard zu geben. Dies liegt vermutlich daran, dass ein Patentschutz in der Schweiz erst ab 1888 möglich war.

In den amerikanischen Patenten ab US367158 nennt sich der Autor übrigens Carl August statt Charles Auguste!

Bereits im Januar 1888 wurde die Non-Magnetic Watch Co. of America gegründet. Sie übernahm das amerikanische und kanadische Geschäft der Geneva Non-Magnetic Watch Co.

Danach wird die Geschichte etwas undurchsichtig. Zunächst ging die Non-Magnetic Watch Co. of America bereits im Februar 1890 in die Insolvenz. Gleichzeitig gründete ein A. C. Smith, der vorher für die Non-Magnetic Watch Co. of America tätig war, die Firma Paillard Non-Magnetic Watch Company und behauptete, diese Firma wäre der legitime Nachfolger der Non-Magnetic Watch Co. of America. Dem widersprach jedoch der Insolvenzverwalter Charles S. McCulloh, der die Geschäfte der Non-Magnetic Watch Co. of America weiterführte.

Nach etwa zwei Jahren der Zankerei wurden die Non-Magnetic Watch Co. of America und die Paillard Non-Magnetic Watch Co. 1892 schließlich zur Non-Magentic Watch Co. zusammengeschlossen, deren Vizepräsident besagter A. C. Smith war. Die neue Firma geriet sehr schnelle wieder in eine finanzielle Schieflage und wurde Ende 1893 wieder einem Insolvenzverwalter anvertraut. Im August 1894 übernahm wiederum A. C. Smith die Geschäfte der Firma, dieses Mal in Form der A. C. Smith Watch Co.

Damit sind die Irrungen und Wirrungen um die Non-Magnetic Watch Co. of America noch nicht beendet, wir gehen hier aber nicht weiter darauf ein. Um 1905 verschwand die Firma wohl ganz vom Markt.
Eine wesentlich umfangereichere und sehr interessante Darstellung der Geschichte der Firma ist hier zu finden:
https://mb.nawcc.org/threads/non-magnetic-watch-co.53774/

Kehren wir zurück zum oben abgebildeten Uhrwerk und seinen technischen Daten:

  • Durchmesser 43,2 mm
    = amerikanische Größe Size 16
  • Höhe ca. 7 mm
  • 16 Steine
    Das zentrale Minutenrad ist nur brückenseitig in einem Stein gelagert, zifferblattseitig nicht
  • Bimetallische Schraubenunruh mit Breguet-Spirale
    Beide aus Palladium-Legierungen von Paillard
  • Verschraubte Chatons (Steinfassungen)
  • Schwanenhals-Feinregulierung
  • Positiver Kronenaufzug (Stellen der Zeiger durch Ziehen der Krone)
    Werke amerikanischer Hersteller hatten häufig einen negativen Aufzug, bei dem die Krone in Normalstellung der Zeigerstellung dient und zum Aufzug die Krone gezogen werden muss

Das Werk ist sehr klassisch aufgebaut, sodass ich es hier nicht zerlegt zeige. Es verfügt lediglich über zwei kleine Besonderheiten. Nämlich die elegant geschwungene und sehr präzise gefertigte Winkelhebelfeder, die scheinbar nahtlos in den Winkelhebel übergeht:

Und auf der Brückenseite einen kleinen geheimisvollen Hebel:

Dieses Werk verfügt über ein verdecktes Gesperr, Kronrad, Sperrrad und Klinke sind also auf der Unterseite der Brücke verborgen. Der kleine Hebel dient einfach dazu, die Feder vor dem Zerlegen des Werkes abzuspannen.

Bleibt noch zu klären, ob das Werk sich näher bestimmen lässt, also z. B. über eine Kalibernummer verfügt oder zeitlich eingeordnet werden kann. Auskunft gibt hier eine Anzeige der Non-Magnetic Watch Co. of America vom März 1888:

Das dort abgebildete Werk sieht fast so aus, wie das oben gezeigte. Nur „fast“, da es sich beim abgebildeten Werk um die sogenannte Hunting-Version handelt, bei meinem Werk aber um die Open Face-Version. Hunting entspricht dem französischen Begriff Savonnette und beschreibt ein Werk, das für eine Uhr mit einen Klappdeckel vor dem Glas bestimmt war. Die Open Face-Variante, französisch Lépine, hatte kein solches Glas. Vom Zifferblatt aus betrachtet liegt die Krone bei der Open Face-Version bei 12 Uhr, die kleine Sekunde bei 6 Uhr. Bei der Hunting-Version liegt die Krone bei 3 Uhr, die kleine Sekunde ebenfalls bei 6 Uhr.
Entsprechend liegt bei einem Open Face-/Lépine-Werk die Krone und die kleine Sekunde auf einer geraden Linie, die durch das Zentrum des Werkes geht. Bei der Hunting-/Savonnette-Variante liegen sie in einem Winkel von 90 Grad zueinander:

Typisch für amerikanische Hersteller ist, dass sie dasselbe Grundwerk in unterschiedlichen Qualitätsstufen oder Varianten anbieten, sogenannten Grades.

Mein Werk ist anhand der oben abgebildeten Anzeige leicht als Grade No. 73 zu identifizieren, genauer als No. 73 Open Face:
Nickel Movement; 16 Ruby Jewels in Raised Gold Settings; Centre Jeweled; Exposed Pallets; Double Roller Escapement; Paillard’s Patent Non-Magnetic Inoxydable Compensation-Balance and Breguet Hair-Spring; Non-Magnetic Escapement; Adjusted to Temperature, Isochronism and three positions; Patent Regulator. Hunting and Open Face

Die Grades No. 71, 72, 73 und 74 gehören zur selben Werkfamilie, die No. 62 hat ein anderes Basiswerk.

Mit einem Preis von 40 USD dürfte das Werk damals nicht günstig gewesen sein. Anhand eines Online-Inflationsrechners ergibt sich, dass die 40 USD im Jahr 1890 etwa 1.000 USD im Jahr 2018 entsprechen. Auch wenn dieser Vergleich natürlich hinkt…

Eine komplette Übersicht der Werke der Non-Magnetic Watch Co. of America inklusive der Vorgänger- und Nachfolger-Firmen findet sich auf der weiter oben verlinkten Webseite!

Kommen wir zum Schluss zur zeitlichen Einordnung des Werkes. Auf dem Werk befindet sich eine Seriennummer, die 27628. Leider gibt es kein Verzeichnis dieses Herstellers, welche Nummern in welchem Jahr ausgegeben wurden. Da die Firma 1888 gegründet wurde und 1892 in der Non-Magnetic Watch Co. (ohne „of America“) aufging, müsste das gezeigte Werk aus diesem Zeitraum stammen.

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