Das Liaoning Peacock SL-6601

Große Uhren sind schon einige Jahre im Trend, auch wenn dieser bisweilen im wahrsten Sinne absurde Ausmaße annimmt. Häufig befinden sich in diesen großen Uhren aber recht kleine Uhrwerke, was wiederum dazu führt, dass z. B. Datumanzeigen viel zu weit innen liegen. Das mechanische Standarduhrwerk schlechthin, das ETA 2824-2 hat einen Durchmesser von etwa 26 mm. Bei einem Uhrendurchmesser von 45 mm bleibt da abzüglich der Wandstärke des Gehäuses noch sehr viel Luft.

Eines der wenigen Automatik-Werke aus aktueller Produktion, die deutlich größer ausfallen, ist das Liaoning Peacock SL-6601. Hersteller ist die 1958 gegründete Liaoning Peacock Watch Ltd. aus China. Weitere Informationen zum Hersteller finden sich hier: http://chinesewatchwiki.net/Liaoning_Watch_Factory

Bevor wir zum SL-6601 kommen, noch ein kleiner Exkurs, wie ich über dieses Werk gestolpert bin. Im amerikanischen Uhrforum watchuseek (WUS) gibt es einen Unterbereich für chinesische Uhren, in dem engagierte Mitglieder schon einige Male Forumsuhren in Abstimmung mit den potentiellen Käufern im Forum entwickelt haben. Im Februar 2016 began ein neues Uhrenprojekt, bei dem das SL-6601 zum Einsatz kommen sollte, um eine Uhr mit Automatikwerk, Gangreserveanzeige, Datum und kleiner Sekunde zu verwirklichen. Ich war sofort angetan von diesem Uhrwerk und habe mich spontan angemeldet. Nach vielen Abstimmungsrunden zur Gestaltung der Uhr war es im September 2017 dann soweit, die fertige Uhr wurde ausgeliefert:

Ich hatte mich für das Modell Midnight Blue/Modern Dial entschieden. Daneben gab es die Varianten Classic (weiß) und Japanese Pilot (schwarz).

Aufgrund des Durchmessers von 44 mm und einer Höhe von 15,7 mm ist die Uhr für mich mit meinen schmalen Handgelenken nicht wirklich gut tragbar. Ich mag sie aber trotzdem sehr gerne!

So sieht die geöffnete Rückseite der Uhr aus:

Das Werk ist mit einem hübschen Kreisschliff versehen und der Rotor ist blau gefärbt.

Bevor es ans Zerlegen des Werkes geht, ein paar technische Informationen zum SL-6601:

  • Durchmesser 17“‘ (38,6 mm)
  • Höhe 7,45 mm inkl. Rotor
  • Automatik, beidseitig aufziehend, Handaufzug möglich
  • Kleine Sekunde mit Sekundenstopp bei 9 Uhr
  • Datum bei 6 Uhr (schnellschaltend bei mittlerer Kronenstellung)
  • Gangreserveanzeige bei 3 Uhr
  • Gangreserve 70 Stunden
  • 33 Steine
  • Glucydur-Unruh mit 28.800 A/h (Halbschwingungen pro Stunde)

Wer das oben abgebildete Werk aufmerksam betrachtet hat, hat vielleicht bemerkt, dass dort auf dem Rotor „31 Jewels“ steht. Tatsächlich sind es aber 33, ich habe sie extra nachgezählt. Außerdem ist das Werk mit P.6600 beschriftet. Bisher konnte ich leider nicht herausfinden, was dies bedeutet.

So, nun  schauen wir uns aber das Innenleben des Werkes genauer an.

Unter dem Rotor kommt die Automatikbrücke zum Vorschein. die sich kreisförmig um das Zentrum des Werkes legt:

Die Automatik ist kein abnehmbares Modul, wie etwa beim ETA 2824-2. Die Räder liegen hier nämlich direkt zwischen der Automatikbrücke und der darunterliegenden 3/4-Brücke.

Der Kraftfluss erfolgt vom Rotor über zwei  Klinkenräder und zwei Reduktionsräder auf das Sperrrad. Dieses zieht dann die Zugfeder auf. Die zwei Klinkenräder sorgen dafür, dass das Werk beidseitig aufzieht, also bei beiden Drehrichtungen des Rotors. Die Klinkenräder sind im folgenden Bild die, die Schlitze aufweisen. In diesen sind die Klinken sichtbar, die dafür sorgen, dass jeweils eines der zwei übereinanderliegenden Räder in die eine Drehrichtung mitdreht und in die andere blockiert.

Weiter geht es auf der Zifferblattseite des Werkes. Unter der Datumhalteplatte verbirgt sich die Datumschaltung und ein Teil der Gangreserveanzeige:

Das mit DM beschriftete Teil ist der Datummitnehmer, der alle 24 Stunden die Datumscheibe weiterschaltet. Der Schaltvorgang beginnt gegen 22 Uhr und endet um 24 Uhr mit einem letzten „Klack“.

Das mit DS bezeichnete Werkteil dient der Datumschnellschaltung auf der mittleren Kronenposition. Es greift beim Drehen der Krone direkt in die Datumscheibe ein.

Alle Teile auf der grünen Linie gehören zur Gangreserveanzeige. Auf dem mit G beschrifteten Rädchen sitzt der Zeiger für diese Anzeige. Der hier sichtbare Teil der Räder dient dazu, die Gangreserveanzeige bei 3 Uhr zu positionieren und die nötige Übersetzung der Drehzahlen zu erreichen. Der Zeiger überstreicht dabei einen Bereich von ca. 315 Grad. Der Schlitz im großen Rad definiert den oberen und unteren Anschlag der Anzeige.

Weitere Teile für die Gangreserveanzeige befinden sich eine Ebene tiefer unter der unteren Datumhalteplatte (auch hier grün markiert) und noch eine Ebene tiefer, nämlich auf der Rückseite des Federhauses:

Das Grundprinzip der Gangreserveanzeige besteht darin, die Differenz zwischen dem Aufzug durch die Automatik und dem Ablaufen des Federhauses sichtbar zu machen. Dies erfolgt über ein Differentialgetriebe, das sich hier auf der Rückseite des Federhauses befindet. Es besteht aus dem großen Rad, das das ganze Federhaus überdeckt, sowie zwei kleinen Rädern, von denen eines dezentral gelagert ist.

Das oben im Bild mit einem grünen Oval markierte Teil überträgt die Ablaufbewegung des Federhauses auf das große Rad des Differentials. Unter dem im selben Bild mit einem grünen Kreis markierten Teil mit zwei Speichen sieht es so aus:

Das kleine Rad unter dem Rad mit den zwei Speichen sitzt direkt auf dem Federhauskern und überträgt so die von der Automatik bzw. vom Handaufzug verursachte Aufzugsbewegung auf das Differential.

Das große Rad greift übrigens nicht ins Minutenrohr ein, wie man auf dem Bild oben annehmen könnte. Der rote Strich soll dies verdeutlichen.

Das kleine dezentrale Rad „berechnet“ dann quasi die Differenz zwischen Ablauf- und Aufzugsbewegung und überträgt sie über das Trieb auf dem Rad mit den Speichen an die oben beschriebenen Räder bis hin zum kleinen Zeiger für die Gangreserveanzeige.

Leider ist die Funktionsweise der Gangreserveanzeige bei diesem Werk nicht so einfach zu erkennen. In meinem Blog-Beitrag Die Gangreserveanzeige – so funktioniert sie habe ich die Funktionsweise bei einem anderen Werk sehr detailliert beschrieben.

Wenden wir uns nun wieder der Brückenseite des Werkes zu. Die zur Automatik gehörenden Teile sind hier bereits entfernt, wir haben also sozusagen das Basiswerk vor uns:

Zwischen Kronrad (K) und Sperrrad (S) befinden sich zwei Zwischenräder, da Kronrad und Sperrrad weit auseinander liegen und daher nicht direkt ineinander greifen können.

An der mit einem roten Oval markierten Stelle befindet sich eine Friktionsfeder, die von hinten sanft auf des Trieb der kleinen Sekunde drückt. Ein eindeutiger Hinweis darauf, dass die kleine Sekunde nicht im direkten Kraftfluss des Räderwerkes liegt, sondern indirekt angetrieben wird.

Die Friktionsfeder sorgt dafür, dass der Sekundenzeiger nicht ruckelt, was ohne diese wegen der Luft zwischen den Zähnen der beteiligten Räder vorkommen kann.

Unter der abgenommenen Brücke sieht es dann so aus:

Die grüne Linie zeigt den klassischen Kraftfluss vom Federhaus über das Großbodenrad (im Zentrum), das Kleinbodenrad, das Sekundenrad bis hin zum Ankerrad. In diesem Fall trägt das Sekundenrad allerdings nicht den Sekundenzeiger. Dieser sitzt vielmehr auf dem kleinen Trieb, das mit Sek bezeichnet ist. Es wird, wie oben beschrieben, indirekt angetrieben, nämlich vom Kleinbodenrad angetrieben.

Mit SS ist der Hebel für den Sekundenstopp bezeichnet. Bei gezogener Krone drückt dieser auf den Unruhreif und hält so die Unruh an.

Auf der Zeitwaage macht das Werk auch einen recht passablen Eindruck, sodass insgesamt an der Qualität des SL-6601 nichts auszusetzen ist:

Falls ihr auch eine Uhr mit dem Liaoning Peacock SL-6601 besitzt, wünsche ich euch viel Freude damit. Falls ihr noch keine habt, wisst ihr nun zumindest, was euch erwartet, falls ihr diesem Werk über den Weg lauft.

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