Montfort – Taschenuhren und Werke aus Österreich

Taschenuhren aus Österreich? Ok, aber Uhrwerke? Warum eigentlich nicht, schließlich stellen aktuell die Österreicher Maria Kristina and Richard Habring großartige Uhren mit eigenen Werken her!

Wir gehen hier aber mehr als 100 Jahre zurück in die Vergangenheit. 1903 eröffnet die Firma Obrecht & Cie. aus der schweizerischen Uhrenstadt Grenchen im österreichischen Bludenz einen Betrieb zur Remontage von Schweizer Uhren.

Taschenuhr von Montfort – Made in Austria

Damals waren in Österreich-Ungarn hohe Einfuhrzölle auf Schweizer Uhren fällig. Daher ließen Schweizer Firmen Einzelteile für Uhren nach Österreich importieren und montierten daraus komplette Uhren, um die Zölle zu umgehen. Neben Bludenz hatte Obrecht & Cie auch ähnliche Betriebe in Konstanz in Deutschland und in St. Ludwig im französischen Elsaß.

Hergestellt wurden sowohl Taschenuhren mit Anker- als auch Zylinderhemmung, die wohl hauptsächlich von Wiener Großhändlern aufgekauft wurden. Bis etwa 1913 wuchs die Firma stetig und hatte mehr als 50 Mitarbeiter.

Am Vorabend des Ersten Weltkrieges ging die Produktion massiv zurück. Während des Krieges wurde die Produktion von Taschenuhren zwar nicht ganz eingestellt, es wurden aber auch Zünderteile hergestellt. Mit dem Ende des Ersten Weltkrieges war auch das Schicksal der Donaumonarchie Österreich-Ungar besiegelt, sodass die Firma ihre Uhren nur noch in Österreich verkaufen konnte.

Obrecht & Cie stellte 1922 den Betrieb in der Schweiz ein und verkaufte die Firma in Bludenz an Josef und Otto Plangg sowie Oskar Pfluger, der vorher bereits Werkleiter des Betriebs war.

Uhrenfabrik Plangg & Pfluger, Klarenbrunnstraße, Bludenz
Quelle: Stadtarchiv Bludenz

Heute befindet sich im Gebäude der ehemaligen Uhrenfabrik Plangg & Pfluger das Innovationszentrum Bludenz:

Innovationszentrum Bludenz, Klarenbrunnstraße
Quelle: www.prisma-zentrum.com

Wegen der stark gesunkenen Kaufkraft wurde die Produktion auf günstige Taschenuhren mit Stiftankerhemmung in sogenannter Roskopf-Bauweise umgestellt. Vertrieben wurden sie unter den Marken Montfort und Blau-Punkt-Uhr, aber auch mit nichtssagenden Zifferblattbeschriftungen wie Railway Timekeeper oder Shock-Proof Lever. Blau-Punkt-Uhren Made in Austria scheinen allerdings nur sehr selten aufzutauchen.

Die oben abgebildete Taschenuhr trägt auf dem Zifferblatt lediglich die Aufschrift Shock-Proof Lever und Made in Austria. So sieht so von hinten bzw. von innen aus:

Die Uhr weist die typischen Merkmale einfachster Uhren auf: dünnes Gehäuse aus Stahlblech, Stiftankerwerk, Pfeilerbauweise, keine Lagersteine, kein Sekundenzeiger, offenes Federhaus ohne Deckel. Darüber, was hier Shock-Proof sein soll, kann man durchaus rätseln, da hier keine Stoßsicherung verbaut ist!

Das Zifferblatt besteht aus einer dünnen Aluminiumscheibe, die von vorne auf das Werk aufgeschraubt wird. Und auch bei der Werkplatine wurden alle Teile an Material abgeschnitten, die nicht zwingend nötig waren.

Montfort 01

Das Werk hat einen Durchmesser von 44,6 mm (19 3/4“‘). Es ist in [2] als Montfort 01 verzeichnet, dort allerdings mit einer vollständig runden Werkplatine. Das hier gezeigte Exemplar stammt also wohl aus einer Zeit, in der das Material sehr knapp war. Die gestanzte Federhausbrücke gibt es in unterschiedlichen Formen und auch die Form anderer Teile wurde immer wieder minimal angepasst.

Montfort 01, andere Federhausbrücke

Interessant beim Montfort 01 ist, dass der Bügelhals direkt im Werk integriert ist und nicht im Gehäuse. Das ermöglich eine stark vereinfachte Herstellung der Gehäuse. Zum Stellen der Zeiger muss die Krone gedrückt werden. Sie rastet dabei nicht in einer anderen Position ein, sondern muss gedrückt gehalten werden. Und auch beim Rücker an der Unruh wurde kreativ gespart, dient er doch gleichzeitig als Deckplättchen des Unruhlagers.

Vor Beginn des Zweiten Weltkriegs produzierte Plangg & Pfluger etwa 900 preisgünstige Uhren pro Tag (siehe [4]), die hauptsächlich nach Übersee exportiert wurden. Während des Krieges sankt die Uhrenproduktion auf ein Drittel, die Firma war auch wieder in der Rüstungsfertigung tätig. Sie konnte sich nach dem Krieg aber wieder erholen, sodass bereits 1950 etwa 20.000 Taschen- und 10.000 Armbanduhren pro Monat hergestellt wurden.

Das Montfort 01 wurde wohl mit kleinen Änderungen über mehrere Jahrzehnte gebaut. Erst in den 1960ern (Angabe in [2]) gab es eine nennenswerte optisch sichtbare Weiterentwicklung in Form einer moderneren Federhausbrücke. Dieses Werk wird in [2] als Montfort 02 bezeichnet. Zu finden ist das Werk meist in Uhren der Marken Roxedo bzw. Duke.

Taschenuhr Roxedo – Made in Austria

Bei dieser Uhr steht auf dem Zifferblatt unter der 6 nicht Made in Austria, sondern FOREIGN. Damit mussten auf der Basis des Merchandise Marks Act von 1926 ausländische Uhren gekennzeichnet werden, die nach Großbritannien importiert wurden (siehe [3]). Ob dies in den 1960ern immer noch zwingend war, konnte ich leider nicht herausfinden.

Montfort 02 aus Roxedo-Taschenuhr

In [2] werden als Unterschiede zwischen Montfort 01 und 02 beschrieben:

  • Federhausbrücke aus Messing beim Montfort 01, einfachere Federhausbrücke aus Stahlblech beim Montfort 02.
  • U-förmige Ausstanzung auf der Zifferblattseite des Werkes zur Regulierung der Eingriffstiefe des Ankers beim Montfort 01. Diese fehlt beim Montfort 02.
U-förmiger Ausstanzung

Die Zuordnung zu 01 bzw. 02 ist m. E. aber nicht eindeutig! Das weiter oben gezeigte Werk hat zwar die alte Form der Federhausbrücke, diese besteht aber nicht aus Messing, sondern aus Stahlblech. Eine U-förmige Ausstanzung ist nicht vorhanden. Das Werk aus der Roxedo-Taschenuhr hat dagegen die modernere Federhausbrücke, aber eine U-förmige Ausstanzung. Vermutlich gibt es also zahlreiche Varianten des Montfort-Werkes, die sich nicht streng abgrenzen lassen. Letztlich sind sie technisch auch weitgehend identisch.

Montfort 02 – Seitenansicht des offenen Federhauses

1967 ging die Firma Plangg & Pfluger schließlich in den Konkurs. Sie wurde von der Schweizer Firma Silvalux erworben, die anscheinend die Produktion der Uhren von Plangg & Pfluger fortsetzte. Zumindest findet man die entsprechende Aufschrift Silvalux Watch – Made in Austria auf Werken bzw. Deckelinnenseiten von Uhren der Marke Satellite. Auf dem Zifferblatt steht interessanterweise nicht Made in Austria, sondern Made Austria.

Montfort 02

Die Werke in diesen Uhren sind außerdem häufig mit CRITERION WATCH CO. INC. punziert, einer Firma aus New York. Ob diese die Uhren lediglich in die USA importiert hat oder wirtschaftlich enger mit Silvalux verbunden war, weiß ich leider nicht.

Werkbeschriftung Montfort 02

Bereits 1968 stellt Silvalux die Fertigung in Bludenz wieder ein. Damit endete meines Wissens auch die Produktion einfacher und günstiger Uhrwerke in Österreich.

Quellen:

[1] Hans-Heinrich Schmid: Lexikon der Deutschen Uhrenindustrie 1850 – 1980, 2. Auflage 2012

[2] Eduard C. Saluz: Stiftankeruhren aus Deutschland, 2019

[3] Merchandise Marks Act: api.parliament.uk/historic-hansard/acts/merchandise-marks-act

[4] Harald Walser: Bombengeschäfte (www.malingesellschaft.at/buchscans/Bombengeschaefte-ocr_verr.pdf)

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