Octava / Graizely 8 Tage-Werk

Uhrwerke mit einer Gangreserve von mehr als ein bis zwei Tagen waren bei Taschen- und Armbanduhren lange Zeit eher ungewöhnlich. Ihre Träger waren es gewohnt, die Uhr täglich aufzuziehen. Natürlich gab es schon immer Ausnahmen, etwa Uhrwerke mit mehreren Federhäusern oder die Hebdomas-Uhren. Eine weitere Ausnahme bilden Uhren, die auf Reisen oder in Fahr- bzw. Flugzeugen eingesetzt wurden.

Diese konnten nicht immer zeitnah neu aufgezogen werden. Dafür konnten sie relativ groß gebaut werden, was wiederum Platz für ein großes Federhaus schaffte. Hier soll es nun um die oben abgebildete Reiseuhr der Marke Octava aus der Zeit um 1915 gehen.

Es fällt sofort auf, dass sich die Krone dieser Uhr weder bei 12 noch 3 Uhr befindet, sondern bei 6 Uhr. So sieht die Uhr in ihrem transportablen, aufklappbaren Etui mit den Abmessungen von ca. 10 x 11 cm aus:

Das Gehäuse der Uhr wird von einem Klemmring und dem Schraubboden am Etui gehalten. Im Bodendeckel findet sich eine Punze mit einer Schweizer Registrierungsnummer 24855. Wir kommen weiter unten nochmal auf diese Nummer und die Befestigung zurück. Entfernt man den Schraubboden und den Klemmring, kann man das Gehäuse entnehmen und einen Blick ins Innere werfen:

Das Werk hat einen Durchmesser von 24´´´ (ca. 54 mm) und eine Höhe von 9,5 mm. Die Räderwerkbrücke gibt direkt einen Hinweis auf den Hersteller, die OCTAVA WATCH Co. aus der Schweiz. Auch die Nummer des US-Patentes 816321 ist darauf zu finden. Mehr dazu gleich!

Das Design des Uhrwerkes wurde 1908 von Graizely & Co. aus La Chaux-de-Fonds im Schweizerischen Handelsamtsblatt als Modell Nr. 1594 registriert:

Octava wiederum wurde 1907 von Graizely als Markenname registriert. Graizely ist in der Uhrenwelt vor allem als Hersteller der Hebdomas-Uhren bekannt!

Bevor wir uns die Funktionsweise des Werkes genauer anschauen, hier noch ein Bild der beiden Werkseiten. Diese Mal in der üblichen Anordnung, also mit der Krone oben im Bild:

Es gibt einen kleinen Unterschied zwischen dem im Schweizerischen Handelsamtsblatt registrierten und dem hier gezeigten Werk. Das registrierte Werk hat in der Räderwerkbrücke keine Öffnung für das Trieb, das das Rad oberhalb der Räderwerkbrücke antreibt:

Das 8 Tage-Werk beruht auf dem oben erwähnten US-Patent 816321. Dieses Patent von 1906 gehörte nicht Graizely, sondern František Hartmann und Josef Oliák aus Prag, das damals Teil von Österreich-Ungarn war. Patente desselben Inhalts hatten Hartmann und Oliák auch in anderen Ländern erhalten:

  • Schweiz CH33103, 1905
  • Frankreich FR352914, 1905
  • Deutschland DE175275, 1905
  • Großbritannien GB190505310, 1905
  • Österreich AT23276, 1906

Das folgende Bild zeigt einen Ausschnitt aus dem deutschen Patent:

Ausschnitt aus Patent DE175275

Die Brückenformen sind zwar ganz anders als beim Werk von Graizely, man erkennt aber deutlich das zentrale Rad oberhalb der Brücken sowie das Trieb, das dieses antreibt (bei etwa 5 Uhr im Bild).

Was hatte Graizely nun mit Hartmann und Oliák zu tun? Wie die drei zueinander gefunden haben, weiß ich leider nicht, aber im April 1907 verkündet das Schweizerische Handelsamtblatt, dass Graizely von Hartmann und Oliák eine Lizenz zur Nutzung des Patentes CH33103 erhalten hat:

Leider konnte ich nichts über die Geschichte von Hartmann und Oliák in Erfahrung bringen. Das britische Patent verrät immerhin, dass Hartmann Uhrmacher war und Oliák Kaufmann. Hartmann hat noch weitere international Patente zu Uhrwerken angemeldet, u. a. für eine Hemmung.

Bevor wir einen Blick ins Werk werfen, nochmal zurück zur oben erwähnten Nummer 24855, die sich im Bodendeckel der Uhr findet. Unter dieser Nummer hat Emile Piquerez 1914 im Schweizerischen Handelsamtsblatt das Design eines Uhrengehäuses registriert, dessen Bauweise dem der hier gezeigten Uhr entspricht:

Graizely bzw. Schild & Co. hatte also offensichtlich auch eine Lizenzvereinbarung mit Piquerez. Wieso jetzt plötzlich Schild & Co.? Ganz einfach, 1913 wurde Graizely & Co. aufgelöst und die Geschäftstätigkeit inklusive aller Markenrechte von Schild & Co. übernommen. Einer der Geschäftsführer der Schild & Co., Otto Schild, war auch bereits Teilhaber von Graizely & Co.

Die folgende Werbung von Schild von 1914 bewirbt das hier gezeigte Werk und verweist auch auf den Ursprung bei Graizely & Co.:


Schauen wir uns jetzt das 8 Tage-Werk etwas näher an. Nach dem Entfernen des Stundenrads und des Minutenrohrs auf der Zifferblattseite kann das große Rad, das auf der Brückenseite oberhalb der Brücken liegt, einfach entnommen werden. Unter den Brücken sieht es dann so aus:

Wir sehen einen vermeintlich klassischen Werkaufbau, bei dem derKraftflussvom Federhaus über das Großbodenrad im Zentrum, das Kleinbodenrad und das Sekundenrad zum Ankerrad verläuft. Und von dort natürlich über den Anker zur Unruh. Das Werk weist allerdings einige Besonderheiten auf:

  • Das Federhaus dreht sich alle 48 Stunden einmal im Kreis. Es nimmt den ganzen Radius der Werkplatine ein und hat einen Innendurchmesser von 22,8 mm. Darin befindet sich ein stattliche Feder mit einer Höhe von 3,7 mm und einer Dicke von 0,28 mm. Das sorgt für ein ausreichendes Drehmoment und die lange Laufzeit. Aufgrund des großen Drehmoments wäre es allerdings wünschenswert, wenn dem Werk statt der 15 Steine vier zusätzliche Steine am Federhaus und am Großbodenrad spendiert worden wären, um ein Auslaufen der Metalllager zu verhindern.
  • Das Großbodenrad ist hier kein Minutenrad, dreht sich also nicht alle 60 Minuten um 360°, sondern alle 240 Minuten. Entsprechend trägt es auch keinen Minutenzeiger.
  • Das Kleinbodenrad dreht sich alle 15 Minuten um 360°. Das aufgesetzte Trieb, das durch die Öffnung in der Räderwerkbrücke ragt, treibt dann das oberhalb der Brücke liegende zentrale Minutenrad an. Dieses liegt also nicht im direkten Kraftfluss, sondern wird indirekt angetrieben (sieheblaue Linieim folgenden Bild).
  • Das Sekundenrad dreht sich zwar alle 60 Sekunden um 360 ° trägt aber keinen Sekundenzeiger. Und es liegt ein wenig neben der Fortführung der Linie zwischen der Aufzugswelle und der Mitte des Werkes.

Eine indirekt angetriebene Minute ist bei 8 Tage-Werken eher ungewöhnlich. Normalerweise wird stattdessen zum Erreichen der benötigen Übersetzungen zwischen Federhaus und Minutenrad ein Beisatzrad im direkten Kraftfluss eingefügt. Dies verändert aber die Geometrie des Werkes, also die Position der Räder zueinander, und damit meist den Durchmesser. Bei dem hier gezeigten Werk gibt es natürlich auch ein extra Rad, dieses vergrößert aber nicht den Werkdurchmesser, sondern die Werkhöhe.

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