Junghans J80/12 – Automatik mit Gangreserveanzeige

Das Kaliber J80/12 war das erste von Junghans entwickelte Automatikwerk. Es wurde 1951 oder 1952 vorgestellt, da sind sich die Quelle nicht ganz einig. Ich vermute, dass es ab 1951 produziert wurde, aber erst 1952 in den Handel kam. Zusätzlich haben die Konstrukteure auch noch eine Anzeige für die Gangreserve eingebaut, um den Kunden und auch den Uhrmachern die Möglichkeit zu geben, zu prüfen, ob die Automatik auch wirklich ausreichend aufzieht. Damit war es auch das erste deutsche Armbanduhrenwerk mit Gangreserveanzeige.

Die gerade gezeigt Uhr ist im Junghans Armbanduhren-Katalog von 1952 als Referenz 85/7002 RP abgebildet:

Aus dem Junghans Armbanduhren-Katalog 1952

Sie hat einen Durchmesser von 35 mm, ein verchromtes Gehäuse und eine ungewöhnliche Bandbreite von 17 mm. Im Katalog sind auch noch weitere Varianten der Uhr zu sehen:

Aus dem Junghans Armbanduhren-Katalog 1952

Junghans selbst scheint dem ersten Automatikwerk in seiner Firmengeschichte leider keinen besonderen Stellenwert einzuräumen. Weder im Buch 100 Jahre Junghans 1861 – 1961 von F. L. Neher noch in der Zeitreise auf der aktuellen Webseite wird das Kaliber J80/12 erwähnt.

Das 80/12, wirklich das erste Automatikwerk von Junghans?
Es gibt ein paar Quellen, die als erstes Junghans-Automatikwerk das J98/5 nennen, ein Formwerk mit aufgesetztem Automatik-Modul.

Junghans J98/5 – Formwerk mit Automatikmodul

Das ist m. E. falsch. Die meines Wissens zuverlässigste Quelle mit einer Übersicht der Junghans-Armbanduhrwerke ist der Artikel Mechanik für Millionen von Hartmut Trippler in der Zeitschrift Klassik Uhren 5/98. Laut der dortigen Übersicht wurde das J80/12 ab 1951 gebaut, das J98/5 erst ab 1953. Auch in den Armbanduhren-Katalogen von Junghans taucht zuerst das J80/12 auf (1952), dann erst das J98/5 (1953).

Das Basiswerk des J80/12 ist das seit 1931 gebaute J80. Zunächst mit kleiner Sekunde und ohne Stoßsicherung, später auch mit indirekter Zentralsekunde und Stoßsicherung verfügbar. Auf dieses Basiswerk wurde ein von Junghans neu entwickeltes Automatikmodul aufgesetzt.

Widmen wir uns kurz den technischen Daten des J80/12:

  • Durchmesser: 10 1/2“‘ (23,3 mm) ohne Rotor, 12 1/2“‘ (28,0 mm) mit Rotor
  • Höhe: 7,0 mm
  • Funktionen:
    • Automatik (beidseitig aufziehend), Handaufzug möglich
    • Stunde, Minute, indirekte Zentralsekunde
    • Gangreserveanzeige über der 6
  • Hemmung: Schweizer Ankerhemmung
  • Steine: 22
  • Unruh: Monometallische Schraubenunruh mit Nivarox I-Spirale
  • Halbschwingungen pro Stunde (A/h): 18.000
  • Stoßsicherung: Junghans II
  • Gangreserve ca. 40 Stunden (Gangreserveanzeige bis 36 Stunden)
Kalibernummern von Junghans: J80/12 oder 680.75?
Junghans fing 1962 an, die Bezeichnung der Kaliber zu ändern. Statt des J wurde nun meist eine 6 vorangestellt und ggf. durch einen Punkt sowie eine Nummer nach dem Punkt ergänzt, die das Kaliber innerhalb derselben Familie genauer differenziert. So wurde aus dem J80/12 das 680.75 und aus dem Basiswerk J80 mit kleiner Sekunde und ohne Stoßsicherung das 680.70).

Nun schauen wir uns das Werk etwas näher an! Nach dem Öffnen des verschraubten Bodens kommt es zum Vorschein:

Ein massiver Werkhaltering hält das Werk und ist selbst im Gehäuse verschraubt. Hier sieht man auch sehr schön, dass der Rotor wesentlich größer als der Rest des Werkes ist. Nach Entfernen der Schrauben und der Aufzugswelle lässt sich das Werk inklusive Werkhaltring nach hinten entnehmen.

Das Werk wird von vorne bei entfernter Aufzugswelle in den Werkhaltering eingelegt, daher muss zuerst das Zifferblatt entfernt werden. Das Zifferblatt ist wie bei Taschenuhrwerken mit Zuckerhutschrauben befestigt, also nicht mit Schrauben seitlich am Platinenrand. Unter dem Zifferblatt sieht es dann so aus:

Zuerst entfernen wir den Rotor, dann den Werkhaltering:

Darunter kommt das Automatik-Modul zum Vorschein. Es kann nach dem Lösen von drei langen Schrauben am Stück vom Basiswerk entfernt werden.

An der mit (1) markierten Stelle greift das Spannrad der Automatik in das Sperrrad (2) des Basiswerkes, um die Feder aufzuziehen. Im nächsten Bild sieht man auch, dass das Basiswerk als J80 (ohne /12) punziert ist.

Wenn man das Automatik-Modul zerlegen möchte, ist es einfacher, das Modul auf dem Basiswerk zu belassen und nur die obere Automatikbrücke (Junghans nennt sie Lagerbrücke) (3) abzunehmen (zwei kürzere Schrauben):

Bei (4) sitzt der Rotor, auf dessen Rückseite der Rotorkranz die Wippe mit zwei Wippenrädern (5) bewegt. Dreht sich der Rotor nach links, so legt sich das linke Wippenrad direkt an das Reduktionsrad (6) und dreht dieses nach links (Kraftfluss: Rotorkranz -> linkes Wippenrad -> Reduktionsrad). Das rechte Wippenrad dreht leer mit. Dreht sich der Rotor dagegen nach rechts, so schwenkt das linke Wippenrad vom Reduktionsrad weg und das rechte Wippenrad greift in dieses ein. Das Reduktionsrad dreht also wiederum nach links (Kraftfluss: Rotorkranz -> linkes Wippenrad -> rechtes Wippenrad -> Reduktionsrad).

Es folgt ein weiteres Reduktionsrad (9) (Junghans nennt diese zwei Reduktionsräder Aufzugrad I und II). Der Sperrkegel (Klinke) (7) sorgt zusammen mit seiner Sperrfeder (8) dafür, dass die Reduktionsräder nicht rückwärtslaufen können. Das Spannrad (bei Junghans Aufzugrad III genannt) (10) zieht schließlich über das Sperrrad die Feder auf (siehe oben bei (1)). Das Spannrad ist als Klinkenrad ausgeführt. Dies sorgt dafür, dass das Rad und das Trieb auf derselben Achse sich nur beim Automatikaufzug gemeinsam drehen. Beim Handaufzug drehen sie gegeneinander durch und entkoppeln so den Handaufzug von der Automatik. So sieht das Klinkenrad aus:

In den Unterlagen von Junghans von 1952 sieht die Sperrfeder (8) etwas anders aus:

Ich weiß leider nicht, ob beide Varianten tatsächlich gebaut wurden. Bei (11) sieht man außerdem zwei Exzenter, mit denen die Eingrifftiefe der Wippenräder angepasst werden kann.

Auf der Rückseite der unteren Automatikbrücke (bei Junghans Lagerplatte genannt), ragt das Trieb des Spannrades (10) in die Basisplatine:

Patente für Wippe und Klinkenrad
Junghans hat sich die Konstruktion der Wippe und des Klinkenrades auch in mehreren Varianten patentieren lassen:

  • Deutschland Patent DE872475: Selbsttätige Aufziehvorrichtung für Armbanduhren
    Vom 16.05.1950, erteilt 19.02.1953
  • Deutschland Patent DE878629: Selbsttätige Aufziehvorrichtung für Armbanduhren
    Ergänzung zum Patent DE872475
    Vom 04.08.1950, erteilt 16.04.1953
  • Deutschland Patent DE902835: Selbsttätige Aufziehvorrichtung für Armbanduhren
    Ergänzung zum Patent DE872475
    Vom 04.08.1950, erteilt 10.12.1953
  • Deutschland Patent DE894024: Radial wirkendes, federloses Gesperre
    Vom 06.10.1951, erteilt 10.09.1953
  • Schweiz Patent CH290360: Uhr mit selbsttätigem Aufzug
    Vom 26.04.1951, erteilt 30.04.1953
  • Frankreich Patent FR1036955: Dispositif pour le remontage automatique des montres-bracelet
    Vom 10.05.1951, erteilt 14.09.1953
  • Großbritannien Patent GB706203: Automatic Winding Device for Wristlet Watches
    Vom 15.05.1951, erteilt 24.03.1954

Vor dem Zerlegen des Basiswerkes sehen wir uns zuerst die Zifferblattseite näher an:

Der interessante Teil, die Mechanik für die Gangreserveanzeige (bei Junghans Ablaufanzeige bzw. Auf- und Abwerk genannt), verbirgt sich unter der kleinen Abdeckplatte, der unteren Federhausbrücke (12):

Die Gangreserveanzeige wird fast immer als Differenzialgetriebe konstruiert. Angezeigt wird die Differenz zwischen der Drehung des Federhauskerns beim Aufzug und der Drehung des Federhauses beim Ablaufen der Feder. Die Grundlagen der Gangreserveanzeige habe ich hier vor einiger Zeit vorgestellt:

Die Gangreserveanzeige / Power Reserve – so funktioniert sie

Beim Junghans J80/12 überträgt das Differentialgehäuse (13) die Differenz zwischen Aufzug und Ablaufen über ein Friktionsrad mit Trieb (16) auf die Zahlenscheibe (17), die die Restlaufzeit zwischen 0 und 36 Stunden anzeigt. Das Differentialgehäuse ist zwar auf der Federhausachse gelagert, aber weder am Federhauskern noch am Federhaus befestigt. An der Ermittlung der Differenz beteiligt sind zwei Planetengetriebe, die sich in der Planetenscheibe (14) befinden, je eines auf der Ober- und Unterseite. Die Räder (14a) und (14b) übertragen das Aufziehen des Federhauskerns, die im nächsten Bild sichtbaren Räder (18a) und (18b) das Ablaufen des Federhauses:

Die kleinen Räder (15b) und (18b) greifen in die „Gitterstäbe“ der Planetenscheibe (14) ein. Beide sind vernietet, lassen sich also nicht entnehmen. Die Planetenscheibe ist übrigens ein kleines mechanisches Kunstwerk für sich:

Was passiert nun, wenn die Zugfeder vollständig aufgezogen ist, der automatische Aufzug diese aber immer noch weiterdreht? Die Automatik-Zugfeder rutscht zwar innen am Federhausrand wunschgemäß durch, der Federhauskern dreht sich aber munter weiter und würde so die Zahlenscheibe (17) immer weiterdrehen. Das verhindert die Zahlenscheibe selbst, da ein Teil ihres Randes keine Verzahnung aufweist. Wenn die Anzeige auf dem Zifferblatt über der 6 bei 36 Stunden angekommen ist, blockiert die Zahlenscheibe das Trieb auf dem Friktionsrad (16). Trieb und Friktionsrad sind über eine Rutschkupplung verbunden, sodass das Friktionsrad sich weiterdrehen kann, ohne das blockierte Trieb zu bewegen. Das Friktionsrad mit Trieb (16) ist übrigens einfach auf das Stundenrad aufgelegt und nutzt so eine bereits im Werk vorhandene Achse als Lager.

Das nächste Bild zeigt die Position der Zahlenscheibe im voll aufgezogenen (links) und im abgelaufenen Zustand (rechts):

Gebrauchsmuster für die Gangreserveanzeige
Zur Konstruktion der Gangreserveanzeige konnte ich kein Patent von Junghans finden, dafür aber eine Gebrauchsmusteranmeldung DE1638800 von 1952 mit dem nichtssagenden Titel Vorrichtung an Uhrwerken. Die beim Patentamt online verfügbare Version davon ist allerdings von miserabler Qualität:

Aus dem Inhalt:
„Die Erfindung betrifft eine Vorrichtung an Uhrwerken zum Anzeigen des Aufzugzustandes mit einem Anzeigeorgan, das über ein Umlaufgetriebe einenteils vom Federkern, andernteils vom Federhaus angetrieben wird. Die Vorrichtung ist insbesondere bestimmt zum Einbau in Armbanduhren mit Selbstaufzug.“

Zum Schluss folgen ohne große Kommentierung noch ein paar Bilder, die das weitere Zerlegen der Zifferblatt- und Brückenseite zeigen:

Achtung:
Sowohl die Schraube des Kronrades als auch die des Sperrrades haben ein Linksgewinde!

Der Unruhreif weist noch eine kleine Besonderheit auf. Er ist nicht glatt, sondern wurde ausgefräst, um in den Vertiefungen die Gewichts- und Regulierschrauben anzubringen:

Beim normalen J80 ist der Reif dagegen glatt und die Schrauben sind am äußeren Rand eingeschraubt:

Ob die Variante beim J80/12 einen Vorteil bringt, wage ich nicht zu beurteilen.

Die erste Automatik von Junghans schien kein großer Erfolg zu sein, wurde sie doch bereits 1953 vom oben erwähnten J98/5 abgelöst. Neben der damals sicher noch vorhandenen Zurückhaltung der Kunden beim Thema Automatik dürfte wohl auch die sehr solide Ausführung und damit teure Herstellung eine wesentliche Rolle gespielt haben.

 

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