Ultra – Uhren und Werke aus Frankreich

Beim Thema Uhrwerke denken nur wenige Uhrenfreunde gleich an Frankreich. Wer sich schon etwas mit mechanischen Uhrwerken beschäftigt hat, kennt aber durchaus einige bekannte französische Werkhersteller wie France Ebauches,  LIP, Lorsa oder Parrenin. Der Hersteller Ultra aus Besançon ist dagegen weitgehend unbekannt.

Die Geschichte der Ultra geht zurück bis ins Jahr 1911, als die Uhrenfirma Geismar & Cie aus Besançon die Marke Ultra registriert. Nach der Pleite der Firma wird diese 1937 von Paul Maillardet & Fils übernommen.

[Quelle: unbekannt]
Ziel war der Aufbau einer Uhrenmanufaktur, die auch Uhrwerke herstellt. Hierzu wurde die Compagnie Industrielle Horlogère gegründet. Um der Marke Ultra eine eigene Identität als Manufaktur zu geben, wurde dann 1946 die Ultra SARL mit Sitz im französischen Morteau gegründet. Die Produktion befand sich allerdings in der alten Mühle von Tarragnoz in Besançon.

[Quelle: unbekannt]

Die Taschenuhrwerke

Schauen wir uns nun die Uhrwerke von Ultra an, zuerst die Taschenuhrwerke.

Das erste Werk, das Ultra 364, ist in einem Katalog der Firma Geismar aus dem Jahr 1933 verzeichnet. Der dort angegebene Durchmesser beträgt 16“‘ (französischen Linien), gemessen sind es aber eher 16 1/2“‘.

Ultra 364:

Das 364 hat eine Steinanker-Hemmung, eine kleine Sekunde, eine monometallische Schraubenunruh mit flacher Spirale, einen Kronenaufzug mit Drücker, 15 Steine, keine Stoßsicherung und schwingt mit 18.000 A/h (Halbschwingungen pro Stunde).

Das zweite, ebenfalls im  Katalog von 1933 verzeichnete Werk, hat lediglich die Kaliberbezeichnung 18“‘, obwohl es tatsächlich einen Durchmesser von 18 3/4“‘ hat:

Ultra 18“‘:

Die optischen Ähnlichkeiten zum Ultra 364 sind nicht zu übersehen und auch die technischen Eckdaten sind weitgehend identisch:
Kleine Sekunde, monometallische Schraubenunruh mit flacher Spirale, Kronenaufzug mit Drücker, 15 Steine, keine Stoßsicherung, 18.000 A/h.

Charakterisch ist der geschwungene Rückerzeiger, dessen Anzeige nicht wie üblich auf dem Unruhkloben liegt, sondern auf der Räderwerkbrücke:

Auf dem Unruhkloben ist die Marke ULTRA punziert, auf dem oben gezeigten Ultra 364 befindet sich diese auf der Zifferblattseite.

Vermutlich wurden beide Werke auch schon vor 1933 entwickelt und in Taschenuhren verbaut, da der Kronenaufzug mit Drücker um diese Zeit schon nicht mehr in Mode war.

Das dritte Taschenuhrwerk, das  Ultra 41, ist im Cétéhor-Katalog von 1946 abgebildet. Es ist mit 18 1/2“‘ Durchmesser minimal kleiner als das zweite Werk, hat aber wesentlich modernere Brückenformen.

Ultra 41:

Wie das oben gezeigte Werk hat es eine monometallische Schraubenunruh, 15 Steine und keine Stoßsicherung. Hier wurde allerdings eine Breguet-Spirale statt einer flachen Spirale verbaut. Außerdem hat das Werk den moderneren Kronenaufzug ohne Drücker. Auch dieses Werk schwingt mit 18.000 A/h.

Die zugehörige Taschenuhr sieht so aus, es fehlt allerdings das Glas und der Glasrand:

Das Ultra 41 wurde mindestens bis Ende der 1950er gebaut, wie dieser Ende 1951 ausgefüllt Gangschein zeigt:

Das Ultra 41 wurde von Ultra in mehreren Stufen weiterentwickelt:

Ultra 410:

Das Werk ist unter der Unruh mit Ultra 410 punziert, ist rotvergoldet und hat eine Incabloc-Stoßsicherung. Anstatt der Breguet-Spirale wurde hier wieder eine flache Spirale verbaut.

Ultra 420:

Neben der silbernen Farbe scheint sich das Ultra 420 vom 410 durch eine andere Form des Unruhklobens sowie eine andere Stoßsicherung zu unterscheiden. Hier ist eine Antichoc 102 statt der Incabloc eingebaut.

Ultra 421:

Technisch konnte ich keine Unterschiede zum Ultra 420 feststellen. Auch die optischen Unterschiede sind eher marginal:

  • Polierte Winkelhebelfeder
  • Zifferblattseitig Bohrung um den Ankerrad-Stein. Möglicherweise zum Anbringen eines Decksteins
  • Ultra-Logo unter der Unruh (vergleiche mit den Bildern ganz oben und ganz unten in diesem Artikel!):

[Quelle: http://patrimoine.bourgognefranchecomte.fr]

Die Armbanduhrwerke

Natürlich gab es von Ultra auch Armbanduhrwerke. Das Älteste scheint ein im oben erwähnten Katalog der Firma Geismar von 1933 verzeichnetes Handaufzugs-Werk mit einem Durchmesser von 10 1/2“‘ zu sein, das leider keine genauere Kaliberbezeichnung hat. Auch im Cétéhor-Katalog von 1946 und im Flume-Katalog K1 von 1947 ist das Werk abgebildet.
Das Werk hat eine moderne Steinanker-Hemmung, Handaufzug, eine monometallische Schraubenunruh, 15 Steine, eine kleine Sekunde und muss ohne Stoßsicherung auskommen.

Ultra 10 1/2“‘:

In dieser Uhr ist das gezeigte Ultra 10 1/2“‘ verbaut:

Update 03.11.2018:
Das Ultra 10 1/2“‘ gibt es auch mit indirekter Zentralsekunde als Ultra 10 1/2“‘ SC:

Das zweite Armbanduhrenwerk, das Ultra 602, wurde um 1950 (1947?) entwickelt. Es hat ebenfalls 10 1/2“‘, Handaufzug, eine monometallische Schraubenunruh, 15 Steine und eine kleine Sekunde. Die ganz frühen Exemplare haben noch keine Stoßsicherung, die späteren eine Incabloc.

Ultra 602:

Die Werke sind unter der Unruh häufig mit ULTRA 602 beschriftet. Ungewöhnlich sind bei diesem Werk die drei auf der Zifferblattseite über den Werkrand hinausragenden Auflageflächen.

Das nächste Bild zeigt die zum abgebildeten 602 gehörende Uhr:

Aufgrund der Widmung der Saarbergwerke auf dem Bodendeckel lässt sie sich auf das Jahr 1955 datieren. Vergoldet und mit einem Durchmesser von 34,5 mm ist die Uhr ein typischer Vertreter ihrer Zeit! Untypisch ist der mit einem extra Ring verschraubte Bodendeckel. Der eine oder andere kennt das vielleicht von russischen Taucheruhren.

Update 03.11.2018:
Es gibt auch eine Variante des Ultra 602 mit Datum, das Ultra 606:

Identifizieren konnte ich es nur über die Aufschrift Ultra 606 calendrier auf dem Zifferblatt, da es in keinem mir bekannten Werksucher verzeichnet ist.

Die Datumschaltung ist sehr einfach konstruiert. Eine Finger auf dem Stundenrad nimmt alle zwölf Stunden ein sternförmiges Datumschaltrad mit. Dieses hat abwechselnd kurze und lange Zacken. Der Finger schaltet beide Varianten der Zacken weiter, aber nur die langen Zacken schalten die Datumscheibe alle 24 Stunden weiter.

Das zweite Werk der Ultra mit (indirekter) Zentralsekunde war das Ultra 702. Leider konnte ich bisher kein Exemplar davon ergattern oder ein Bild des Werkes finden. Ein einziges Mal habe ich eine Uhr mit der Aufschrift ULTRA 702 auf dem Zifferblatt gesehen. Diese Werke scheinen also sehr selten zu sein.

Bevor wir zum Highlight der Werkentwicklung der Firma Ultra kommen, schauen wir uns noch das Ultra 904 an. Der ältesten Verweis, den ich zu diesem Werk finden konnte, stammt aus dem Flume K1 im Teil von 1957.

Ultra 904:

Es hat einen Durchmesser von 10 1/2“‘ und eine direkte Zentralsekunde. Das Ultra 904 hat optisch einige Ähnlichkeiten mit dem französischen Parrenin 90, ist aber nicht identisch mit diesem.

Die Ultra Superautomatic

Kommen wir nun zum angesprochenen Highlight der Uhrwerke der Firma Ultra, nämlich den Automatikwerken Ultra 603 und Ultra 703. Ultra hat in der Tat um 1950 das erste französische Automatikwerk entwickelt! Es bestand aus einem Modul, das auf die Basiswerke 602 bzw. 702 montiert werden konnte.

Verbaut wurden die Automatikwerke von Ultra in der sogenannten Superautomatic. Diese sind heute recht selten und die Werke häufig in einem schlechten Zustand.

Bei meinem Exemplar eines Ultra 603 fehlt leider der Rotor der Automatik:

Ein netter Uhrenfreund hat mir ein Bild seines Werkes mit Rotor geschickt:

[Quelle: JackDaniels83]

Das Automatikmodul wird von hinten aber das Werk gestülpt und seitlich mit einer Schraube daran befestigt. Es vergrößert das Werk von 10 1/2“‘ auf ca. 13 1/2“‘ Durchmesser und fügt vier weitere Steine hinzu, sodass das Ultra 603 über 19 Steine verfügt. Interessant ist die Innenseite des Automatik-Moduls:

Der beidseitig wirkende Aufzug basiert auf demselben Prinzip wie der bekannte Magic Lever-Aufzug von Seiko, einer Variante des IWC Pellaton-Aufzugs. Der Magic Lever von Seiko kam allerdings erst 1959 auf den Markt!
Über einen vom Rotor angetriebenen Exzenter (im Bild genau in der Mitte) wird ein Schlitten bewegt, dessen zwei federnde Klinken das Aufzugsrad am oberen Rand des Bildes antreiben (mal die eine Klinke, mal die andere, je nach Drehrichtung).

Das Trieb am Aufzugsrad greift wiederum in das Sperrrad des Basiswerkes ein und zieht so die Feder auf. Zu diesem Zweck ist das Sperrrad hier deutlich höher gebaut als beim normalen 602. Leider hat Ultra bei der Konstruktion auf eine Automatikfeder mit Gleitzaum verzichtet und stattdessen zwischen Sperrrad und Federkern eine Rutschkupplung aus Kupferplättchen eingebaut (im Bild unten zu sehen), um ein Überspannen der Feder zu verhindern. Leider tendiert diese Kupplung dazu, nach kurzer Zeit zu früh durchzurutschen. Es kann dann durch die Rotorbewegung nicht genügend Gangreserve aufgebaut werden.

Bereits 1958 lizenzierte Ultra das Automatikmodul an den japanischen Hersteller Citizen, der damit sein erstes Automatikwerk, das Citizen 3KA, ausstattete.

Nachtrag:
Einige Wochen nach dem Erscheinen dieses Posts konnte  ich ein weiteres Exemplar der Superautomatik ergattern, das erfreulicherweise auch noch funktioniert:

Bei diesem Exemplar steht auf dem Zifferblatt lediglich Automatic statt Superautomatic. Und die Aufschrift auf dem Rotor behauptet, dass das Werk 17 Steine hätte. Tatsächlich enthält es aber ebenso 19 Steine, wie das weiter oben gezeigte Werk. Was wohl der Grund für dieses Understatement war?

Gérard Langel

Der Kopf hinter der Entwicklung des Automatikmoduls war Gérard Langel, der als Erfinder in den entsprechenden Patenten aufgeführt ist:

  • FR62801 (Frankreich) von 1950
  • CH290359 (Schweiz) von 1951
  • DE875629 (Deutschland) von 1951
  • GB703362 (Großbritannien) von 1951
  • US2696073 (USA) von 1951

Über Gérard Langel konnte ich lange Zeit fast nichts in Erfahrung bringen, bis ich zufällig dieses antiquarische Buch entdeckte, in dem er uns 1985 seine Biographie hinterlassen hat („Mein Berufsleben oder das Vergnügen zu schaffen“):

Geboren wurde Langel 21.02.1911 in Courtelary in der Schweiz. Nachdem er zuvor bereits bei LIP gearbeitet hatte, ging er 1945 zu Ultra und wurde 1947 sogar Teilhaber der Firma.

Gérard Langel 1932

Zunächst waren Langel und seine Kollegen jedoch mit dem Wiederaufbau der Uhren- und Werkeproduktion nach dem Krieg beschäftigt, insbesondere mit der schwierigen Beschaffung der nötigen Maschinen. In dieser Übergangszeit wurden nach Aussage von Langel zunächst Kaliber der Hersteller Jeambrun (9 3/4“‘) und Cupillard (10 1/2“‘) in die Uhren verbaut.

Gérard Langel (vermutlich links) und sein Bruder Roger (um 1975?)

In seiner Biographie sind leider nur sehr wenige Informationen über die Entwicklung des Automatikmoduls zu finden. Die Idee mit dem Modul kam ihm, da eine Neuentwicklung eines ganzen Werkes zu teuer gewesen wäre. Langel spricht davon, dass bei Ultra ein Werk mit der Kaliberbezeichnung 233 mit 10 1/2“‘ entwickelt wurde, das es mit kleiner Sekunde und mit indirekter Zentralsekunde gab. Ausgeliefert wurde dieses Werk ab 1947. Dieses Kaliber 233 war wiederum das Basiswerk für das Automatikmodul. War 233 der Arbeitsname für die späteren Kaliber 602 oder 702?
Zunächst dachte ich an einen Fehler in der Biografie, da es auch ein Kaliber 233 mit 10 1/2“‘ von Cupillard gab und Ultra ja Cupillard-Werke verbaute. Bis ich dann einen Hinweis auf eine Beziehung zwischen den Kalibern 233 und 602 in Form dieses Ersatzteil-Heftchens mit Unruhwellen fand:

Gérard Langel began bei Ultra auch mit der Entwicklung eines Formwerkes mit der Bezeichnung 15 x 24 (vermutlich Millimeter). Es wurde aber nie produziert, da Langel nach einem Wechsel der Miteigentümer und Streitigkeiten mit den neuen Eigentümern die Firma Ultra verlies. 1951 gründete er dann seine eigene Firma CRYLA, um dort das Kaliber 15 x 24 zu produzieren. Was aus diesem Plan geworden ist, weiß ich leider nicht. CRYLA existiert heute noch, ist aber schon lange nicht mehr im Besitz der Familie Langel.

Fremdwerke

Ultra hat auch später nicht nur eigene Uhrwerke verbaut, sondern ebenso Werke von Fremdherstellern. Insbesondere haben alle Damenuhren Fremdwerke, da Ultra ja keine kleinen Werke gebaut hat. Auch alle Ultra-Uhren mit Datum haben Fremdwerke. Einigen Fremdwerken hat Ultra sogar eigene Kaliberbezeichnungen gegeben:

  • Ultra 514 = FHF 75 (5 3/4 x 8 1/2“‘)
  • Ultra 902 = Felsa 465 (11 1/2“‘)

Ultra und Citroën

Was ist später aus der Firma Ultra geworden?
In den besten Zeiten soll die Firma etwa 180 Mitarbeiter an den zwei Standorten gehabt haben (eine andere Quelle nennt 250 als Anzahl). 1963 gelang es Ultra als Lieferant für die Borduhr der futuristischen Automodelle Citroën DS 19 und ID 19 ausgewählt zu werden.

Später wurden diese Uhren in Kooperation mit der Firma E.D. Veglia auch in andere Modelle von Citroën und Peugeot eingebaut. Über das Innenleben dieser Borduhren konnte ich leider nichts in Erfahrung bringen.

Niedergang und Wiedergeburt

Aufgrund der schlechten wirtschaftlichen Entwicklung in den 1970ern und Streitigkeiten in der Eigentümerfamilie ging die Firma 1969 in die Insolvenz und wurde schließlich 1972 aufgelöst.

Gut vierzig Jahre später wurde die Marke 2015 von einem Unternehmer wiederbelebt. Die einzige auf der Webseite auffindbare Adresse der Firma befindet sich in Hongkong [Ultra (Asia logistics) Unit 3, 4/F, B1, Yau Tong Industrial City, 17 Ko Fai Road, Yau Tong, Hong Kong].

Die Firma verkauft einige Modelle der Ultra Superautomatic mit einem Werk namens Ultra 803. Natürlich haben diese Werke nichts mehr mit den alten Automatikmodulen zu tun. Es sind japanische Seiko Sii NH15-Werke.

Montres Ultra Besancon France

Ein Gedanke zu „Ultra – Uhren und Werke aus Frankreich“

  1. Lieber Herr Kelz,

    erneut darf und muss ich mich herzlich für Ihre außergewöhnlich tiefgründigere Recherchearbeit bedanken. Also: Besten Dank! Die Firma Ultra kannte ich noch gar nicht, habe mich aber umso mehr über den Bericht gefreut, da ich ein starkes Interesse am französischen Uhrmacherhandwerk hege.
    Immer wieder bin ich von Ihren Beiträgen beeindruckt.

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