Kaliber und Linien – was ist das denn?

Kaliber bezeichnet ursprünglich den Innendurchmesser eines Rohres. Welches Kaliber hat also dieses Rohr hier?

[Quelle: © Hans Hillewaert / , via Wikimedia Commons]
[Quelle: © Hans Hillewaert / , via Wikimedia Commons]

Gar keines! Bei den Rohren mit Kaliberangaben ging es natürlich um die Rohre von Feuerwaffen. Wir kommen gleich auf die Kaliber zurück…

Anfangs waren Uhrwerke für Taschenuhren meist rund, zur Unterscheidung wurde der Durchmesser des Werkes benutzt. Maßeinheit war ursprünglich die Pariser Linie, abgekürzt mit drei Hochkommas “‘, ein altes Längenmaß, das auf dem Pariser Fuß basiert:

1 Pariser Linie = 1/12 Pariser Zoll = 1/144 Pariser Fuß

Eine Linie (1“‘), französisch „Ligne“, entspricht 2,256 mm.
Der Pariser Fuß und die daraus abgeleiteten Einheiten waren übrigens im 17. und 18. Jahrhundert europweit genutzte Referenzeinheiten.

Hier ein Größenvergleich einiger häufig anzutreffender Durchmesser von Armbanduhrwerken:

Linienvergleich

Zurück zu den Kalibern! Ein Werk mit dem Durchmesser von 10 1/2“‘ wurde im Fachjargon einfach Kaliber 10 1/2“‘ genannt. Also eine Abkürzung für „ein Werk mit einem Durchmesser von 10 1/2 Linien„.

In Deutschland wurde zwar 1872 das metrischen System
eingeführt. Das ist den meisten Uhrmachern und Werkherstellern aber egal. Sie benutzen auch heute noch gerne die Linie als Maßeinheit.
Früher gab es auch Messschieber zu kaufen, die neben der Angabe von Zentimeter auch Linien anzeigten:
Messschieber_Linien_Flume_1937

Da es viele verschiedene Werkehersteller gab, musste man zur Identifizierung eines Werkes zusätzlich zum Durchmesser auch noch den Hersteller angeben, also z. B. Kaliber AS 10 1/2“‘ (AS = Adolph Schild).

Bald fingen die Hersteller an, verschiedene Werke desselben Werkdurchmessers zu bauen. Diese hatten z. B. unterschiedliche Hemmungen, etwa eine Anker- bzw. eine Cylinderhemmung, oder einfach nur unterschiedliche Brückenformen, um unterschiedliche Einkäufer anzusprechen. Hier ein Beispiel eines technisch identischen Werkes mit unterschiedlichen Brückenformen:

[Quelle: Classification Horlogère 1936]
[Quelle: Classification Horlogère 1936]
Dies führte dazu, dass jeder Hersteller sich eine eigene Logik überlegte, um die Werke zu differenzieren. Am häufigsten wurden einfach Nummern benutzt, es gibt aber auch Buchstaben, Kombinationen aus Nummern und Buchstaben und auch Klartextnamen.

Diese Bezeichnungen wurden bald anstelle des Durchmessers als Kaliberbezeichung genutzt, als z. B. Kaliber AS 313 (siehe Bild oben). Eines der bekanntesten aktuellen Uhrwerke hat z. B. die Bezeichung ETA 2824-2. Die eigentliche Information zum Durchmesser ging bei den neuen Bezeichnungen daher meist verloren.

Wir merken uns also:

  • Früher: Kaliber = Durchmesser des Werkes in Pariser Linien
  • Heute: Kaliber = Bezeichnung für den Uhrwerkstyp (Baureihe)

FAQs:

Ein paar offene Fragen rund um das Thema Linien und Kaliber müssen wir aber noch klären.

  1. Wie gibt man die Abmessungen eines Formwerkes in Linien an, also eines Werkes, das nicht rund ist?

Bei runden Werken wird der Durchmesser angegeben, bei Formwerken die Länge der beiden Seiten. Der Wert der Seite, auf der sich die Aufzugswelle befindet, wird zuerst angegeben:

Formwerke_Linien

Dieses Werk hier hat z. B. 5 ¾ x 7 ½ Linien:

Formwerk_GP

2. Kann man sich auf die Durchmesserangaben der Hersteller verlassen?

Leider nein, so haben z. B. die wenigsten Werke mit 10 1/2 Linien einen Durchmesser von exakt 23,69 mm. Große Werke wurden gerne etwas größer angegeben und kleine Werke waren in der Realität meist kleiner als auf dem Datenblatt des Hersteller. Zur Konstruktion von Uhrengehäusen waren diese Angaben also eher unbrauchbar.

3. Kann man unterschiedliche Werke desselben Durchmessers einfach gegeneinander austauschen?

In 99,9 Prozent der Fälle leider nicht. Selbst wenn der Durchmesser exakt identisch ist, gibt es weitere Parameter, die meist nicht übereinstimmen:

  • Die Werkhöhe
  • Die Einbauhöhe der Aufzugswelle (Tigehöhe)
  • Die Position der Zifferblattfüße am Werk
  • Die Passungen (Lochdurchmesser) der Zeiger

4. Gibt es bei Uhrwerken noch andere Maßeinheiten für den Durchmesser als Linien oder Millimeter?

Klar, sonst wäre es ja langweilig. In den USA, teilweise auch im Rest der Welt, wurde lange Zeit die Size-Größe nach Lancashire Gauge benutzt.

5. Was sind denn Lépine- und Savonnette-Kaliber?

Diese „Kaliber“-Angaben haben absolut nichts mit dem Durchmesser zu tun und sind auch nicht herstellerspezifisch. Sie bezeichnen zwei verschiedene Bauformen von Taschenuhrwerken.

Bei der „klassischen“ Taschenuhr ohne Sprungdeckel auf dem Glas, auch Lépine genannt, liegt die kleine Sekunde normalerweise in einer Linie mit der Krone und die 12 befindet sich bei der Krone. Die Savonnette wird beim Öffnen des Sprungdeckels meist so bedient, dass die Krone bei 3 Uhr liegt. Da ist es dann praktischer, wenn die kleine Sekunde senkrecht zur Krone liegt.

Aus diesem Grund gibt es viele Uhrwerke sowohl in einer Lépine- als auch einer Savonnette-Variante. Hier links im Bild das Unitas 6498 (Savonnette) und rechts das Unitas 6497 (Lépine):

Savonnette_vs_Lepine

Die roten Linien zeigen die Lage der Aufzugswelle (im Bild oben) zur kleinen Sekunde (roter Kreis).

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