Manufrance: (Fast) eine Omega-Taschenuhr aus Frankreich

Bei einer Online-Auktion lief mir diese Taschenuhr über den Weg, deren Zifferblatt meine Aufmerksamkeit auf sich zog:

Eine Taschenuhr der Marke TYPE. Nie gehört, aber wie kommt man nur auf so einen nichtssagenden Namen?

Egal, Spannender ist die folgende Aufschrift auf dem Zifferblatt:

Die Uhr stammt also von der Manufacture Française d’Armes & Cycles aus St. Etienne in Frankreich. Also ein Hersteller von Waffen (Armes) und Fahrrädern (Cycles).

Meine Neugierde war erst recht geweckt, als ich das Uhrwerk sah:

Uhrwerk der TYPE-Taschenuhr

Ein Lépine-Werk mit einem Durchmesser von 19´´´ (Französische Linien), Schweizer Steinankerhemmung und nur sieben Lagersteinen. Irgendwoher kannte ich das Werk, aber es dauert ein paar Momente, bis ich es zuordnen konnte. Das Werk ist ein Omega! Na ja, zumindest fast.

Fast, weil es nicht den Markennamen Omega trägt! Die Firma S.A. Louis Brandt & Frères, Omega Watch Co., wie sie ab 1903 hieß, nutzte die Marke Omega nur für ihre Uhren mit Werken, die die folgende, 1894 vorgestellte Brückenform hatten:

Omega 19 LB

Die Ähnlichkeit zwischen beiden Werken ist offensichtlich, wenn man die Positionen der Bauelemente, Schrauben und Steine betrachtet. Noch offensichtlicher wird die Ähnlichkeit auf der Zifferblattseite. Links das Werk aus der TYPE-Taschenuhr, rechts das Omega 19 LB:

Werk der TYPE-Taschenuhr (links) und eines Omega 19 LB (rechts)

Omega hatte eine ganze Reihe von Schwestermarken, die unterschiedliche Märkte bedienen sollten und mit Werken mit anderen Brückenformen als die der Marke Omega bestückt wurden. Das hier gezeigte Werk wurde z. B. in Uhren der Schwestermarken Celtic, Luxor ,Regina, Décimal, Labrador und Mora verbaut.

Das Design des gezeigten Uhrwerkes ließ sich die Firma Louis Brandt & Frères 1904 im Schweizerischen Handelsamtsblatt als Modell Nr. 14 registrieren:

Das Werk wurde in den Größen 13´´´, 17´´´, 19´´´ und 20´´´ sowie mit 7, 15, 17 und 21 Steinen hergestellt. Es gab nicht nur die hier vorgestellte Lépine-Version, sondern auch eine Savonnette-Variante für Taschenuhren mit Sprungdeckel:

TYPE gehört nicht zu den Schwestermarken, aber offensichtlich hat Omega diese Werke auch an andere Hersteller geliefert. Oder vielleicht sogar ganze Uhren in deren Auftrag gefertigt.

Kommen wir also zurück zur Manufacture Française d’Armes & Cycles aus Frankreich. Das Unternehmen wurde 1885 unter den Namen Manufacture Française d’Armes et de Tir (Französische Manufaktur für Waffen und Schießsport) gegründet. Es war nicht nur ein Hersteller von Waffen und Fahrrädern, sondern ein Pionier des Versandhandels in Frankreich. Ab 1887 gab die Firma einen umfangreichen Katalog heraus, der bis zu 30.000 Artikel enthielt und in Millionenauflage erschien! Der etwas sperrige Firmenname wurde 1911 in Manufrance, kurz MF, geändert. Die hier gezeigte Uhr dürfte kurze davor, also etwa 1900 bis 1910, entstanden sein.

Mir liegt ein Exemplar des Katalogs von 1930 vor, das gut 730 Seiten umfasst und ein enormes Warensortiment enthält, unter anderem auch Taschen- und Armbanduhren. Diese wurden aber mit ziemlicher Sicherheit nicht selbst hergestellt, sondern zugeliefert. In diesem Katalog wird auch die Marke TYPE beworben:

Taschenuhren der Marke TYPE im Katalog der Manufrance 1930 (zum Vergrößern anklicken)

Manufrance gab 20 Jahre Garantie auf diese Uhren und bot sie optional auch mit einem offiziellen Gangschein der Sternwarte Besançon an. Die günstigste Variante kostete 175 französische Francs. Dies entspricht einem heutigen Kaufpreis von etwa 300 Euro. Im selben Katalog findet man auch einfachere Gebrauchsuhren, deren Preise bei 45 französische Francs beginnen, also etwa einem Viertel der günstigsten Uhr der Marke TYPE.

Manufrance hatte in den 1970ern mehr als 4.000 Mitarbeitende, riesige Fabrikanlagen in St. Etienne und betrieb neben dem Versandhandel 64 Kaufhäuser in Frankreich. 1985, also 100 Jahre nach ihrer Gründung, ging die Firma in Konkurs, wurde aber bereits 1988 wiederbelebt und existiert heute noch. Uhren verkauft die Firma allerdings keine mehr.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert