Das Schweizerische Handelsamtsblatt als Werksucher

Kataloge zur Identifikation von Uhrwerken gibt es ab etwa 1930. Der älteste mir bekannte Katalog stammt von der Ebauches SA aus dem Jahr 1928. Wie kann man aber noch ältere Werke identifizieren?

Malleray Modell Nr. 6, 1909

Für die bekannten großen Uhrenhersteller wie Patek, Longines, Zenith, Omega oder Rolex gibt es natürlich eine ganze Reihe Literatur zum jeweiligen Hersteller, in der häufig auch Werke abgebildet sind, zurück bis zu den Anfängen der Firma. Bei nicht so bekannten Uhrenherstellern oder reinen Werkhersteller wird die Luft aber häufig dünn. Mit etwas Glück finden sich alte Werke auch in Werksuchern aus späterer Zeit, etwa in der Classification Horlogère von 1936, 1939 bzw. 1949. Oder in den Werksuchern von Flume, Jakob, Engelkemper oder Paulson, um nur einige zu nennen.

Trotz der vielen Werksucher haben sich bei mir mehr als 50 Uhrwerke angesammelt, die ich bisher nicht identifizieren konnte. Aber manchmal kommt Hilfe von unerwarteter Seite, in diesem Fall vom Schweizerischen Handelsamtsblatt (SHAB)!

Kopfzeilen des Schweizerischen Handelsamtsblatt – erste Ausgabe 1883

Das SHAB erschien erstmals 1883 und tut dies bis heute. Es publiziert fünfmal wöchentlich amtliche Informationen und gesetzliche Bekanntmachungen der Schweiz. Und dies auf Französisch, Deutsch und Italienisch.

Neben Patenten, Fabrik- und Handelsmarken sowie vielen anderen Informationen wurden dort ab 1889 auch registrierte Muster und Modelle veröffentlicht. Bei der Nummer 6 der ersten zehn Eintragungen ging es erstmals um Uhrwerke, leider noch ohne Abbildungen:

SHAB: die zehn ersten Muster und Modelle

Die fortlaufende Nummerierung wird uns noch nützlich sein. Mehr dazu ein wenig später in diesem Artikel.

Interessanter wird es ab August 1900, da es ab diesem Zeitpunkt eine extra Rubrik mit Abbildungen von Modellen für Taschenuhren gibt. Der erste Eintrag mit der Nummer 7490 von 25.08.1900 stammt von der Val de Joux Watch Co. und zeigt folgendes Werk:

SHAB: erstes Uhrwerk als Modell registriert

Solche Bilder von Uhrwerken gibt es im Schweizerischen Handelsamtsblatt bis 1946, also über einen Zeitraum von 46 Jahren! Die über dem Uhrwerk stehende Nummer hat übrigens nichts mit der fortlaufenden Registriernummer zu tun. Sie konnte von der registrierenden Firma frei vergeben werden.

Hat man nun ein Uhrwerk, das etwa aus der Zeit 1900 bis 1950 stammen könnte und das sich der Identifizierung über die vorhandenen Werksucher entzieht, besteht eine Chance, dieses im SHAB zu finden. Aber wie?

Am einfachsten über das kostenfrei zugängliche Online-Portal der ETH Zürich, das zahlreiche Schweizer Zeitungen und Zeitschriften digitalisiert und indiziert hat:

www.e-periodica.ch

Über die erweiterte Suche kann man diese auf das SHAB einschränken und mit viel Geduld und etwas Glück über weitere Suchbegriffe passende Abbildungen von Uhrwerke finden. Insbesondere dann, wenn man bereits einen Verdacht hat, von welchem Hersteller das Werk stammen könnte. Die Kunst besteht also darin, bei der Suche geeignete Begriffe zu finden und immer mal wieder einige Hundert Suchergebnisse durchzuschauen.

Hier ein Beispiel:

www.e-periodica.ch: Erweiterte Suche

Dies Suchergebnisse können dann zeitlich sortiert werden. Durch einen Klick auf die jeweilige Seitennummer am rechten Rand werden die entsprechenden Seiten angezeigt:

www.e-periodica.ch: Suchergebnisse
www.e-periodica.ch: Seitenansicht

Unter den vielen Registrierungen sind auch einige ziemlich ausgefallene Brückenformen, etwa diese hier:

SHAB: ausgefallene Brückenformen

Aber eine Registrierung bedeutet natürlich nicht zwingend, dass die Uhrwerke auch tatsächlich so produziert wurden!

Nachfolgend nun einige Werke, die ich über das Schweizerische Handelsamtsblatt identifizieren konnte und die in keinem mir bekannten Werksucher verzeichnet sind.

Baumgartner Modell Nr. 31

Buren (Williamson) Modell Nr. 305

Courvoisier Modell Nr. 81

Erlsbacher Modell Nr. 1

Grandjean Modell Nr. 180

Dann gibt es auch noch den seltenen Fall, dass die Registrierungsnummer direkt als Kaliberbezeichnung auf das Werk punziert wurde. Darüber lässt sich dann mit etwas Glück ebenfalls der Hersteller zuordnen. Und dies manchmal sogar für Werke aus der Zeit vor 1900, als die Registrierungen noch keine Bilder aufwiesen! Dazu zwei Beispiele:

Pierre Petignat 320

Auf dem Werk steht CALIBRE No. 320 DÉPOSÉ. Déposé bedeutet eingereicht oder hinterlegt. Das ist meist ein Hinweis auf ein Patent oder ein registriertes Modell. Die Registrierung mit der Nummer 320 aus dem Jahr 1892 stammt von Pierre Petignat. Leider enthält diese noch keine Abbildung des Werkes! Warum sollte also ausgerechnet dieses Werk zu dieser Registrierung gehören? Den entscheidenden Hinweis liefert das folgende Logo auf dem Werk:

PP passt perfekt zu Pierre Petignat!

Braunschweig & Hirsch 610

Auch hier findet sich eine entsprechende Beschriftung auf dem Werk: CALIBRE No. 610 DÉPOSÉ. Das Werk trägt leider keine weiteren Informationen, die auf Braunschweig & Hirsch hinweisen! In diesem Fall stammt das fehlende Puzzlestück vom Gehäuse der zugehörigen Taschenuhr. Dieses enthält ein Logo mit der Bezeichnung Eden. Und Eden war eine Marke von Braunschweig und Hirsch. Volltreffer!

Mittlerweile konnte ich mit Hilfe des Schweizerischen Handelsamtsblattes gut 20 Uhrwerke identifizieren, die ich vorher in keinem Werksucher finden konnte. Mühsam, aber es lohnt sich!

 

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