Soprod Newton P092 – Ein Blick in das Werk

Am 12. März 2020 war es so weit: Soprod stellt nach dreijähriger Entwicklungszeit ein neues Uhrwerk vor, das Kaliber Newton P092.

Soprod Newton P092 [Quelle: Soprod]
Wir werfen hier einen Blick in das Innenleben dieses noch relativ neuen Werkes. Mal sehen, welche Überraschungen es in sich birgt!

Ein klein wenig Geschichte

Soprod, ein bekannter Schweizer Hersteller mechanischer Uhrwerke, wurde bereits 1966 gegründet. Nach einer wechselvollen Geschichte, während der die Firma mehrfach verkauft wurde, gehört Soprod seit 2008 zur Festina-Gruppe. Die Gruppe ist heute unter anderem in der Lage, alle Teile eines mechanischen Uhrwerks selbst herzustellen, insbesondere auch kritische Komponenten wie Unruhspiralen.

Vor dem Newton P092 war Soprod Uhrenliebhabern hauptsächlich durch das Kaliber A10, später M100 genannt, bekannt. Dieses ist einbaukompatibel zum ETA 2892A2, war aber wohl nie ein großer wirtschaftlicher Erfolg. Es wird zwar von Soprod gebaut, basiert aber auf dem Seiko 4L, ist also keine vollständige Eigenentwicklung.

Nun also ein neues Werk, das Newton P092. Eine Eigenentwicklung, mit dem Ziel, ein zuverlässiges und genaues Werk in industriellem Maßstab, also in größeren Stückzahlen und zu akzeptablen Preisen, herzustellen. Dieses Werk ist einbaukompatibel zum ETA 2824-2, d. h., es passt in Gehäuse für das ETA-Werk, ebenso passen Zifferblätter und Zeiger. Uhrenhersteller können also ganz einfach ein ETA 2824-2 durch ein Soprod Newton P092 ersetzen. Da das ETA 2824-2 wesentlich verbreiteter ist als das ETA 2892A2, steht hier Soprod also ein sehr viel größerer Markt zur Verfügung. Interessanterweise stellt Soprod auch einen echten Klon, also Nachbau, des ETA 2824-2 her, das P024.

Soprod Demo-Uhr mit Newton P092 [Quelle: Soprod]
Bevor wir an das Zerlegen des Werkes gehen, hier noch die Eckdaten zum Werk:

Technischen Daten des Soprod Newton P092

  • Durchmesser 11 1/2“‘ (25,6 mm)
  • Höhe 4,6 mm
  • 3 Zeiger (Zentralsekunde mit Sekundenstopp, Minute, Stunde)
  • Datum bei 3 Uhr (schnellschaltend bei zweiter Kronenstellung)
  • Automatik, einseitig aufziehend, Handaufzug möglich
  • Schweizer Ankerhemmung
  • 23 Steine
  • Unruh-Frequenz 28.800 A/h (Halbschwingungen pro Stunde)
  • Incabloc-Stoßsicherung
  • Gangreserve 44 h
  • Zwei Qualitäten verfügbar:
    • Sophisticated: +/- 7 Sekunden pro Tag, reguliert in 3 Lagen
    • Top-Flight: +/- 4 Sekunden pro Tag, reguliert in 5 Lagen

Auf den ersten Blick also keine besondere Überraschung, sozusagen gute Hausmannskost. Lediglich der einseitige Aufzug der Automatik ist vielleicht etwas ungewohnt. Aber auch das Miyota 9015 zieht nur einseitig auf, während das ETA 2824-2 dies beiseitig tut. Ein einseitiger Aufzug bedeutet auch nicht, dass dieser ineffizienter als ein zweiseitiger ist. Also kein Grund zur Sorge. Das Soprod Newton P092 zieht übrigens bei einer Rechtsdrehung des Rotors auf, wenn man von hinten auf den Rotor blickt.

Interessant sind die zwei angebotenen Qualitäten Sophistacted und Top-Flight. Nach Auskunft des Verkäufers handelt es sich bei meinem Exemplar um die Top-Flight-Variante. Ich konnte bisher nicht herausfinden, ob man die zwei Versionen optisch unterscheiden kann. Ob das Werk die versprochene Ganggenauigkeit einhalten kann, werden wir später auf der Zeitwaage sehen.

Zerlegen des Werkes

Die optisch auffälligste Komponente des Werkes ist die Unruhbrücke anstatt eines Unruhklobens. Diese ist eher selten in einem Werk zu finden. Sie dient der Stabilität des Werkes und ist natürlich auch recht chic!

Schrauben wir zuerst mal den kugelgelagerten Rotor ab:

Darunter kommt das Automatik-Modul zum Vorschein, das als Ganzes abgenommen werden kann:

Das auf dem Bild des Automatikmoduls oben in der Mitte sichtbare Klinkenrad greift auf der anderen Seite des Moduls direkt in den Zahnkranz des Rotors ein. Das Klinkenrad ist so konstruiert, dass es das nächste Rad nur dann dreht, wenn der Rotor sich in Aufzugsrichtung dreht. In die andere Richtung dreht es sich nicht mit. Es sorgt also für den einseitigen Aufzug der Automatik. Für einen beidseitigen Aufzug wären zwei Klinkenräder nötig. Auf das Klinkenrad folgen das Reduktionsrad und das Spannrad, das schließlich an der im nächsten Bild rot markierten Stelle das Sperrrad dreht und damit die Zugfeder aufzieht:

Im nächsten Bild wurden die Unruhbrücke, das Kronrad mit Kronradring und das Sperrrad abgenommen:

Die Kronradschraube ist übrigens durch die drei Schraubenschlitze eindeutig als Linksgewinde kennbar gemacht!

Weiter geht es mit dem Entfernen der Federhausbrücke und der Räderwerkbrücke:

Auf der Federhausbrücke sieht man sehr schön das große Rubinlager des Federhauses. Das folgende Bild zeigt den Kraftfluss des Räderwerkes:
Federhaus (1) -> Großbodenrad (2) -> Kleinbodenrad (3) -> zentrales Sekundenrad (4) -> Ankerrad (5) -> Anker (6)

Im Bild rot markiert ist der Stopphebel, der in der zweiten Kronenposition (Zeiger stellen) gegen den Unruhreif drückt und so das Werk anhält.

Wenden wir uns nun der Zifferblattseite zu:

Das große Rad bei 6 h ist das Datummitnehmerrad, das nach jeweils 24 Stunden dafür sorgt, dass die Datumscheibe um einen Zahn weitergeschaltet wird. So sieht es kurz vor dem Umschalten aus:

Am rechten oben Rand sieht man die Datumsperre. Sie fixiert nach dem Umschalten die Datumscheibe in einer definierten Position, sodass das Datum auch akkurat im Datumfenster steht. Die Datumschnellschaltung der mittleren Kronenposition erfolgt dagegen über dieses rot markierte kleine Rad (Datumkorrektor):

Auf dem nächsten Bild sind einige weitere Teile auf der Zifferblattseite entfernt, insbesondere die Winkelhebelfeder (rechts oben) und das goldfarbene Stundenrad, um den Blick eine Ebene tiefer freizugeben:

Beim Zusammenbau des Werkes unbedingt darauf achten, dass an der hier rot markierten Stelle die Winkelhebelfeder gegen den Kupplungshebel drückt:

Wir haben auf der Brückenseite gesehen, dass das Werk kein zentrales Minutenrad hat. Wie wird also das Zeigerwerk auf der Zifferblattseite angetrieben? Bei vielen Werken dieser Konstruktionsart erfolgt dies durch das Großbodenrad, das durch eine Öffnung auf der Zifferblattseite ein Minutenrohr oder ein Zwischenrad mit Minutenrohr antreibt. Beim Soprod Newton P092 treibt das Federhaus direkt das Minutenrohr im Zentrum der Zifferblattseite an. Aus diesem Grund hat dieses zwei Zahnkränze:

In der Tat besteht dieses Teil sogar aus zwei Teilen, die aufeinandergedrückt sind und so eine Rutschkupplung (Zeigerreibung) bilden, die es erlaubt, beim Stellen der Zeiger das Räderwerk zu entkoppeln. Der untere Teil entspricht also im Prinzip einem klassischen Minutenrad und der obere dem klassischen Minutenrohr.

Eine kleine Ergänzung zum Thema Kompatibilität des Soprod Newton P092 zum ETA 2824-2: ich habe aus Neugierde geprüft, ob Aufzugswellen und Datumscheiben des ETA 2824-2 auch beim P092 passen. Das Ergebnis: leider nein!

So viel zur Zifferblattseite. Bleibt die Frage, ob das Werk die vom Hersteller zugesagten Gangwerte erfüllen kann!

Auf der Zeitwaage

Schauen wir also, was die Zeitwaage dazu sagt! Hier ein Beispiel in der Lage Zifferblatt oben:

Das sieht schon mal sehr gut aus. Hier eine Tabelle der Messungen in sechs verschiedenen Lagen:

Die maximale Differenz zwischen allen Lagen liegt bei +4 Sekunden pro Tag, der Abfallfehler bei maximal 0,2 ms und die Amplitude ist in den liegenden und hängenden Lagen jeweils sehr stabil. Die Amplitudenmessung beruht auf einem eingestellten Hebewinkel von 50°, allerdings konnte ich den tatsächlichen Hebewinkel des Soprod Newton P092 nicht in Erfahrung bringen.

Chapeau, diese Werte können sich sehen lassen. Wenn es Soprod schafft, das Werk in dieser Qualität in größerer Stückzahl zu einem annehmbaren Preis herzustellen, könnte es ein echter Erfolgt werden. Was ihm zu wünschen wäre!

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