Japy Frères: Taschenuhr mit Hund

Tiere auf dem Zifferblatt oder auf dem Bodendeckel einer Uhr sieht man immer mal wieder. Hier soll es aber um das besondere Uhrwerk in dieser Uhr gehen:

Offensichtlich hat die Uhr schon einiges durchgemacht. Der Stundenzeiger ist abgebrochen, Sekundenzeiger und Bügel sind keine Originale, wurden also irgendwann ersetzt.

Schauen wir mal ins Innere der Taschenuhr:

Da sitzt er und schaut uns mit seinen Knopfaugen an! Er scheint ein ordentliches Bäuchlein zu haben und die Beine sind recht kurz geraden. Vielleicht ein Dackel?

Gebadet hat er anscheinend auch längere Zeit nicht, aber nach einer gründlichen Reinigung strahlt und läuft er wieder:

Mit einer Zylinderhemmung und einem Schlüsselaufzug ist das Werk sofort als recht alt zu erkennen. Mit einem Durchmesser von 18 Linien (41 mm) hat das Werk eine typische Größe für Herren-Taschenuhren.

Das Werk gibt es auch mit einem Durchmesser von 16 Linien (36 mm). Sozusagen ein kleiner Hund:

Sicherlich kein hochwertiges Werk, sondern eher das Ergebnis industrieller Massenproduktion mit dem Ziel eines niedrigen Preises. So wurde z. B. auf der Zifferblattseite des größeren Werkes der Deckstein der Unruh durch ein Metallplättchen ersetzt, sodass das Werk insgesamt nur fünf Lagersteine aufweist, während das kleinere Werk sechs davon besitzt. Die meisten Räder drehen sich also in einfachen Messinglagern.
Während das größere Werk ein kleine Sekunde hat, muss das kleine Werk ohne Sekunde auskommen.

Über die Punze Beaucourt im Hufeisen lässt sich der Hersteller ermitteln.

Es ist die französische Firma Japy Frères aus Beaucourt. Gegründet wurde sie wohl 1777 (hier sind sich die Quellen nicht immer einig) von Frédéric Japy, um Rohwerke zu fertigen.

[Quelle: Patrice Vogt (musée Japy)]

Japy war ein Pionier bei der Einführung von Maschinen zur Produktion von Uhrwerken und gilt als Erfinder der Zahnfräsmaschine. Bereits 1801 konnte er etwa 100.000 Rohwerke pro Jahr fertigen, 1806 waren es dann schon mehr als 150.000 Werke, die von etwa 500 Mitarbeitern hergestellt wurden! Die Schweizer Hersteller lagen damals noch sehr weit hinter diesen Möglichkeiten zurück und fürchteten die Konkurrenz aus Frankreich, da Japy um 1794 etwa 90 % seiner Werke in die Schweiz exportierte!

Über die Geschichte der Firma Japy lassen sich ganze Bücher füllen, beschränkte sich deren Produktionsspektrum doch nicht nur auf Rohwerke. Im Laufe der Zeit kamen Uhren, auch Großuhren, Pumpen, landwirtschaftliche Geräte, Motoren, Haushaltsartikel, Fotokameras, Schreibmaschinen und vieles mehr hinzu.

[Quelle: Musée Japy]
Die ursprüngliche Werke- und Uhrenproduktion existiert schon lange nicht mehr. Zu Beginn der 2000er-Jahre gab es einige Versuche, die Uhrenmarke Japy wiederzubeleben, die aber letzlich alle ohne Erfolg blieben.

Kommen wir zurück zum oben gezeigten Werk mit Hund. Ob es Absicht war, die Platine so zu gestalten, dass sie an einen Hund erinnert, ist leider nicht bekannt! Bisher ist es mir auch nicht gelungen, eine nähere Kaliberbezeichnung für dieses Werk zu finden. Da das Werk noch recht häufig zu finden ist, wurde es wahrscheinlich in recht großer Stückzahl produziert. Und wohl auch über einen langen Zeitraum!

Es gibt eine französische Gedenkschrift über Frédéric Japy, die 1999 von der  Société belfortaine d’émulation herausgegeben wurde: Frédéric Japy et son heritage- Beaucourt:

Dort ist das Werk abgebildet und als Herstellungszeitraum wird 1867 –  1878 angegeben:

Obwohl der Schlüsselaufzug schon ab ca. 1850 sukzessive durch den Kronenaufzug ersetzt wurde und spätestens ab ca. 1890 völlig aus der Mode war, wurde dieses Werk mit Schlüsselaufzug aber auch 1923 noch angeboten, wie folgende Anzeige aus diesem Jahr zeigt:

Darüber hinaus gibt es einen Katalog, der vermutlich aus dem Jahr 1900 stammt, in dem das Werk angeboten wurde:

Auf diesem Katalogausschnitt findet sich auch die Information, dass es das Werk in den zwei Durchmessern 16“‘ und 18“‘ (Linien) sowie in verschiedenen Qualitätsstufen gibt. Ein solches Werk mit dem in der Anzeige oben angegebenen Durchmesser von 19“‘ ist mir bisher nicht begegnet. Möglicherweise nur ein Schreibfehler statt 18“’…

Kombiniert man die vorhandenen Zeitangaben, ergibt sich ein möglicher Herstellungszeitraum von 1868 bis ca. 1923, also über 55 Jahre!

Irgendwann wurde das Werk auch um einen Kupplungsaufzug ergänzt, den es in zahlreichen Varianten gibt. Ob diese alle von Japy selbst stammen oder teils von Käufern des Rohwerkes ergänzt wurden, weiß ich leider nicht.

Sollte einer meiner Leser genauere Hinweise zum Produktionszeitraum oder zur Kaliberbezeichnung dieses Werkes haben, würde ich mich sehr über eine Nachricht freuen!

 

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