Bayern Praecision, gelegentlich auch Bayern Praezision geschrieben, war eine Marke der Bayerischen Taschenuhrenfabrik Lichtenfels GmbH, die am 31. Dezember 1922 in Lichtenfels gegründet wurde.
Also Taschenuhren mit Uhrwerken aus Bayern? Ja, und die Uhrwerke sind etwas ganz Besonderes, um nicht zu sagen Eigenartiges!

Die Firma

Die Firma hatte zwei kaufmännische Leiter, Fritz Stumpf und Lorenz Müller, sowie einen technischen Leiter, Louis Wille. Louis Wille war in der Welt der Uhrmacherei kein Unbekannter. Die Deutsche Uhrmacher-Zeitung berichtet 1929 über ihn:
Er wurde am 4. Mai 1865 in Ammendorf bei Halle geboren.
Wohl selten hat sich ein fachliches Leben so vielfältig entwickelt wie das dieses Berufskameraden. Schon früh hat er sich mit Präzisionsuhren, Uhren für wissenschaftliche Zwecke und den verschiedensten Konstruktionsaufgaben beschäftigt. Nach seinen Mitteilungen wurde von ihm z. B. im Jahre 1897 eine Uhr mit Weltzeiten, Kalender, Jahreszeitenangaben, Geläute, Oratorienmusik usw. ausgeführt, die 150 Zeiger hatte.Für die Ausbildung von Uhrmacher-Lehrlingen ist ihm um die Jahrhundertwende ein Ehrenpreis verliehen worden. Für seine Erfindungen und Konstruktionen hat er 19 deutsche Patente erworben. Für von ihm ausgeführte Feinstellungen von Uhren sind 1250 Gangzeugnisse ausgestellt. Bei einer Industrie-Ausstellung in Leipzig erhielt er die goldene Medaille. Als Regleur, Konstrukteur oder Betriebsleiter war er u. a. tätig bei Dencker, Hamburg; I. W. C. Schaffhausen; Omega, Biel; Huber, München; Gebr. Thiel, Ruhla; Bayerische Uhrenindustrie, Lichtenfels; Drusenbaum, Pforzheim; Wempe, Hamburg usw.
Über seine Arbeiten sind manche Veröffentlichungen in der Fachpresse erschienen. Auch er selbst hat eine große Anzahl von Fachartikeln verfasst.
Der Mann war also offensichtlich ein sehr begabter und umtriebiger Uhrmacher!

1925 wurde die GmbH aufgelöst, der Betrieb jedoch als Bayerische Uhrenindustrie A.G. in vergrößertem Maßstab weitergeführt. Die Firma schien zunächst recht erfolgreich zu sein, beschäftigte sie um 1925 immerhin etwa 70 Mitarbeiter. Im Jahr 1932 musste das Unternehmen infolge der Weltwirtschaftskrise Konkurs anmelden. Louis Wille behielt die technische Leitung bis zum Ende der Firma.
Zur Würdigung seines Werkes seien hier exemplarisch einige seiner Patentanmeldungen in Deutschland und der Schweiz mit Bezug zu Uhrwerken aufgeführt:
- DE144687: Torsionspendel mit Kompensation, 1902
- CH52929: Unruhbalancier mit Kompensationseinrichtung, 1910
- DE244910: Bruchsicherung für Drehpendelfedern, 1911
- CH59064: Unruhbalancier mit Kompensationseinrichtung, 1911
- CH68208: Einrichtung an Hemmungen von Unruheuhren, zum Zweck, die Erhaltung der Regulierung zu sichern, 1911
- CH68210: Kompensations-Balancier für Taschenuhren, 1914
- CH75789: Einrichtung zur Vermeidung von Überspannungen und Brüchen beim Aufziehen von Federkraftwerken, insbesondere Uhren, 1916
- DE376451: Hilfskompensation für geschlossene einmetallische Unruhen in Verbindung mit überkompensierten Spiralen, 1922
- DE598553: Geräuschlos gehende Uhr, 1932

Die Uhrwerke
Die Bayerische Taschenuhrenfabrik Lichtenfels spezialisierte sich auf moderne Fertigungsverfahren, insbesondere die Herstellung von Platinen, Brücken und Kloben für Uhrwerke sowie von Gehäusen im Präzisionsgießverfahren (Spritzguss). In der Uhrmacherei sind Genauigkeiten von Abmessungen im Bereich von einigen Hundertstel Millimeter gefordert. Das sollte ein Spritzguss bereits um 1925 reproduzierbar schaffen? Mal sehen…

Das Werk hat einen Durchmesser von 17 3/4´´´ (französischen Linien), eine monometallische Schraubenruh mit flacher Spirale, eine kleine Sekunde und 7, 15 oder 16 Steine. Das Bild ganz oben zeigt das Werk im zerlegten Zustand.
Das Werk scheint es nur als Lépine-Version zu geben. Zumindest ist mir noch nie eine Savonnette-Variante begegnet. Mehr dazu etwas weiter unten.
Die Platinen, die Brücken und die Kloben dieser Uhrwerke wurden aus einer Legierung von Zink, Zinn und Kupfer gespritzt und nach der Rohbearbeitung einem Temperverfahren unterworfen, indem sie abwechselnd auf eine Temperatur von 100 °C gebracht und wieder auf Zimmertemperatur abgekühlt wurden. Dadurch sollte ein molekularer Gleichgewichtszustand herbeigeführt werden. Alle anderen Werkbestandteile bestehen aus konventionellen Materialien wie Messing und Stahl.
Beim oben abgebildeten Werk fällt sofort eine etwas grob anmutende Struktur auf. Dieses Werk ist bereits gereinigt. Im ungereinigten Zustand sind die Platinen und Brücken nach etwa 100 Jahren fast schwarz:

Die Räderwerkbrücke der Werke ist entweder mit BAYERN PRAECISION oder mit * * * PRAECISION punziert:

In meiner Sammlung befindet sich mittlerweile fünf dieser Uhrwerke. Nur eines davon konnte ich wieder in einen lauffähigen Zustand versetzen. Eine weiteres habe ich versucht, im Ultraschallgerät zu reinigen, so wie andere Uhrwerke auch. Das hat dazu geführt, dass alle Messinglager aus der Platine und den Brücken gefallen sind. Dies ist mir bisher noch nie bei einem Uhrwerk passiert! Leider lassen sich viele Teile auch nicht zwischen den Werken austauschen. So gibt es z. B. Minutenräder mit leicht unterschiedlichem Achsendurchmesser. Und auch die Werkplatinen haben leicht unterschiedliche Durchmesser. Die Werkteile waren also nicht problemlos gegen Ersatzteile austauschbar.
Ähnlichkeiten zum Uhrwerk Thiela von Thiel sind übrigens kein Zufall, hat Louis Wille doch zuvor auch das Thiela in Ruhla entwickelt!

Eines meiner Bayern Praecision-Werke ist in diesem Gehäuse in klassischer Lépine-Bauart verbaut:

Es gibt die Werke aber auch im Savonnette-Gehäuse:

Bei einem Savonnette-Werk sollte die kleine Sekunde bei 6 Uhr liegen. Hier wurde aber ein Lépine-Werk verbaut, was die oben geäußerte Vermutung unterstützt, dass es nie eine Savonnette-Variante des Werkes gab.
Wohl um die vermeintlich falsche Position der kleinen Sekunde etwas zu kaschieren, hat der Hersteller auf der 3 Uhr-Position eine Art Logo positioniert:

Die Firma soll auch Gehäuse aus Spritzguss hergestellt haben. Gesehen habe ich bisher leider noch keines.
Die Uhren und Werke sind recht selten zu finden. Zum einen war die Firma nicht sehr lange aktiv, zum anderen waren die Werke wohl nicht dauerhaft zuverlässig. Ich vermute, dass ein Großteil der Uhren irgendwann einfach entsorgt wurde. Dennoch bleiben die Uhren und das im Spritzgussverfahren hergestellte Taschenuhrwerk aus Bayern interessante Zeitzeugen!
Vielen Dank für Wissen teilen! Wieder einmal hochinteressant!